Gespräch mit den geschätzten Lesern

Natürlich werdet ihr mir ungeheuer auf den Geist gehen und meine Liebe gilt heute schon jedem Leser, von dem ich nichts hören werde. Andererseits… manche sind ja doch putzig, im Lauf der Jahre ist das Panorama der kulturell Beleckten an meinem Signiertisch vorbeimarschiert, hat in den internationalen Frage-und-Antwort-Konferenzen nach der Lesung den Arm gehoben und manchmal gefiel mir der Arm mehr als alles, was danach kam.

Aber jeder Leser ist eine Welt für sich und seine unverbrüchliche Anhänglichkeit an Bücher und Themen und letzten Endes an die Autoren ist einer der nicht unzählig vielen Zäune, die in unserer durchbanalisierten Welt noch zwischen der Kultur und dem medialen Dünnpfiff stehen.

 

Daher also und weil jeder Autor, bevor er zum Autor wird, einer von denen ist, die lesen wie andere Menschen fressen: Her mit euch. Es gäbe mich auch ohne euch, aber mit euch ist es einfach schöner. Wo sonst hört man solche herrlichen Überinterpretationen, wenn nicht von Lesern, die sich Gedanken machen? Wie sonst hätte ich jemals erfahren, welche kapitalen Missverständnisse über Autoren im Umlauf sind? Und es hat keine Veranstaltung gegeben, bei der nicht maximale Aufmerksamkeit herrschte, wenn der Autor berichtete, wie die teure Gattin mit seiner Autorenexistenz zu leben trainierte. Und wer beschreibt das Entzücken, wenn die teure Gattin sich dann nicht länger in der letzten Reihe des Auditoriums klein machen konnte.

In beinahe jeder Lesung habe ich Kassensturz gemacht und penibel über meine finanziellen Verhältnisse berichtet, Autoren wie ich sind dafür verantwortlich, dass sich einige tausend Menschen seitdem weniger Illusionen über die finanzielle Lage von Autoren machen. Was treiben eigentlich die Verlage im einzelnen und warum tun sie nicht mehr? Warum sterben nicht mehr Lektoren im Blutrausch unbekannter Täter? Welcher deutsche TV-Redakteur macht die meisten Spesen? Und welcher macht keine, weil er sich geniert? (hahaha) Wie viele Freunde und Feinde bringt ein Autor durchschnittlich in jedem Manuskript unter? Gibt es Literatur-Groupies und wenn ja: warum? Und wie muss man sich das praktisch vorstellen?

Schreiben wirklich alle Autoren, die nicht schreiben können, Kinderbücher und Krimis? Und warum ist das bis heute ein Tabu?

Ach, ich freue mich schon darauf, euch alle wieder zu treffen: von der Bücherfresserin, die glaubhaft jeden Monat fünf Romane minimum weghaut; vom männlichen Kauz, der mit Perry Rhodan begann, die SF-Klassiker entdeckte und jetzt bei E.T.A. Hoffmann angelangt ist, der sich über jede neue literarische Entdeckung freut, trotzdem keinen neuen Perry Rhodan auslässt und nicht erkennen kann, wo darin ein Widerspruch liegen sollte. Das sind die seltenen Fälle, wo ein Besucher Beifall auf offener Szene bekam.

Natürlich sitzen jedesmal Rechthaber im Publikum. Sie lesen gern, aber noch lieber haben sie recht, ihre Lieblingszahl ist die Zensur, schlechte Umschläge machen sie rasend, die Umschlagseite 4 verachten sie wie jeder andere Leser und das zu Recht.

Wir haben den Nachwuchs, 16 Jahre und die erste Auflage des ersten Gedichtbands ist schon zu einem Zehntel verkauft. Ihre Freundin ist niedlich und wenn sie sich in zehn Jahren nicht mehr an jeden Abend ihrer ersten Beziehung erinnern kann, muss sie nur in den ersten beiden Gedichtbänden ihres Ex nachschlagen.

Wir haben die Papierleser und die elektronischen und sie balgen sich jedesmal mit den gleichen Worten. Interessanter wird es dadurch nie, aber es war auch nie interessant.

Jedesmal fürchte ich mich vor dem Moment, in dem man mich fragt, was ich denn so lese. Für diesen Zweck habe ich mich – durch Schaden klug geworden – mit einem Programm von Halbwahrheiten munitioniert. Manches Publikum, das Literatur liebt, verträgt keinen Literaturproduzenten, der sich nicht für andere Literaturen interessiert.

 

So schlimmm ist es bei mir noch nicht. Die Sache ist die: Der Tag hat 24 Stunden. Die Mengenbilanz meiner Schreibarbeit in den letzten Jahrzehnten ist hoch überdurchschnittlich und die Zeit, in der ich wegen eines fremden Romans darauf verzichtete, an meinem eigenen aktuellen Projekt weiterzuschreiben, ist vorbei. Nicht nur wegen meines Alters, aber auch wegen meines Alters. Ich muss sehen, dass ich voran komme. Alles, was mich dabei stört, muss weichen. Das betrifft auch meine Existenz als soziales Wesen, sogar noch radikaler als meine Existenz als Leser anderer Werke.

Natürlich lese ich, Tageszeitungen, Zeitschriften, in meinen besten Zeiten hatte ich fünf Tageszeitungen abonniert, gleichzeitig.

Viel Zeit und Verdruss ließ sich sparen, indem ich „Zeit“ und „Spiegel“ aussortierte. Viel Zeit lässt sich sparen, indem ich an keinem Tag mehr als 30 Minuten im Internet stecke und an den meisten Tagen keine einzige. In der Mehrzahl der Fälle nur, um dort Printmedien zu lesen.

Danach fragen die Leser selten, aber wenn ich es ihnen erzähle, beschweren sie sich nicht. Jeder vergleicht in diesem Moment mit seiner eigenen Situation.

 

Darauf freue ich mich schon: wenn die werten Damen und Herren Leser kapieren, dass nicht sie es sind, die das Thema vorgeben. Das werden wir gemeinsam tun. Jeder, der mir Zeit raubt, ist draußen. Jeder, der charmant ist (bitte kein Ganzkörperfoto, auch nicht von kleinen Katzen, vor allem nicht von kleinen Katzen), wird mich hinterher mehr mögen als vorher.

Aber nicht vergessen: Es geht nicht um KLUGMANN, es geht um die INNENSTADT.