Der Autor schreibt sich warm

Allererster Text der INNENSTADT von Anfang 2013

IM STROM

Sie sehen mich nicht, denn ich bin gar nicht da. Nicht dass ich etwas zu befürchten hätte. Aber wenn sie mich nicht sehen, habe ich eine Sorge weniger. Wie schnell entsteht ein Missverständnis, der andere stutzt, du wunderst dich, er verzieht das Gesicht, du wunderst dich und wenn er auf dich zukommt, ist die Sache gelaufen. Natürlich streitest du alles ab, sie sollen gleich merken, dass es kein Selbstgänger wird. Einfach ist es mit den anderen, nicht mit dir. Einfache Regel: nicht mit mir. Das müssen sie kapieren, auch wenn es schwerfällt.

Kaum einer kann mir das Wasser reichen. Ich könnte es dem Kerl mit dem einfältigen Gesicht verraten, dann würde er eine noch dümmere Visage haben. Aber ich verkneife mir den kleinen Sieg, denn Menschen sind nachtragend. Er würde es mir nicht vergessen, die Erinnerung an mich würde langsamer verblassen. Ich würde länger in Gefahr schweben.

Dann lieber unsichtbar sein – die ideale Mitte zwischen Hiersein und Woanderssein. Mitschwimmen, ein Fisch unter Millionen Fischen, die klügste Entscheidung meines Lebens. So unsichtbar, dass sie selbst dann, wenn sie dich anrempeln, glauben, sie hätten sich getäuscht.

 

Augenkontakt ist der Anfang vom Ende. Erst blicken sie dich an, fünf Minuten später schlagen sie dich, fünf Minuten später bist du tot. Millionen Fische sehen nicht hin. Soviel zum Thema Hilfsbereitschaft. Du darfst nichts erwarten, du darfst auf keinen Fall etwas erwarten. Du wirst mit absoluter Sicherheit enttäuscht, wer enttäuscht ist, wird unaufmerksam, ein Moment reicht. Du hast diesen Moment nicht, er kann dein Ende bedeuten. Sie schlagen zu und gehen weiter. Du liegst auf dem Boden, der erste Fuß spürt noch, dass der Boden uneben ist, der hundertste spürt es kaum noch, der tausendste tritt in Knochenmehl.

Ich bin lieber der, den niemand sieht. Es hat Tage gegeben, an deren Ende ich nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob ich im Zentrum gewesen war. Ich schwimme mit, gleite dahin, fliege über ihren Köpfen. Ich stehe niemandem im Weg, über mich kann sich keiner ärgern, ich bin der, den kein Auge sieht. Auch nicht die Augen, die auf der Suche sind. Sie wollen Streit und suchen einen Anlass. Wer suchet, der findet. Von der ersten Sekunde an der Täter sein, von der ersten Sekunde an das Opfer. Komplizierter ist es nicht. Der eine will Sieger sein, der andere passt nicht auf. Ende der Vorstellung.

 

Ich weiß, wovon ich rede. Ich war Sieger und Opfer, zu beidem musst du Talent haben. Wenn du gewinnst und dich nicht darüber freust, bist du kein Siegertyp. Wenn du dich fürchtest, bist du Opfer. Es muss dann gar nichts mehr passieren. Die meisten Opfer haben nie Schmerz empfunden, nie die Kälte eines Pflastersteins gespürt. Alles, was sie brauchen, ist ihre Phantasie. Schon sind sie Opfer. Sie wissen, was möglich ist und dass das Schlimmste eintritt, wenn du am wenigsten damit rechnest. Du hast drei Möglichkeiten: Du wirst Opfer und hast Schmerzen bis zum Ende deiner Tage. Und in den kurzen Abständen zwischen dem letzten und dem nächsten Schmerz hast du Angst. Oder du meidest die Menschen. Du gehst in den Wald, gräbst eine Erdhöhle und hoffst, dass du den ersten Frost überlebst. Oder du bist gar nicht da. Du bist wie sie und bleibst wie sie. Aber du bist nicht da. Niemand sieht dich, aber du siehst sie. Du gehörst zur Elite der Fische, du sorgst für reibungslosen Durchfluss. Sicherheit ist ein Zustand, der nicht existiert.

Eine Zeitlang fürchtest du dich noch, du siehst das Erkennen in ihren zum Zorn bereiten Gesichtern und weißt, was passieren wird, bevor sie es wissen. Diese Phase kann Wochen dauern, meistens dauert sie Monate. Dann siehst du, dass du dich geirrt hast. Es ist kein Zorn in ihren Gesichtern. Es ist nichts weiter als die Abwesenheit von Schlaf. Sie sind bereit, sich den Weg freizuschießen, aber alles schwimmt in ihre Richtung und die meisten Kämpfe finden nicht statt, weil beide Kämpfer es eilig haben.

 

Sie suchen dein Gesicht nicht, nach dem zehntausendsten Gesicht haben sie damit aufgehört. Manchmal stutzen sie: Eine Nase ist monströs, ein Auge verquollen, aus einem Mundwinkel läuft Blut. Alles Gründe, um zu stutzen, aber keine Gründe für den zweiten Blick. Die Menschen, mit denen du schwimmst, benutzen ihre Augen nicht wie die Fische in der kleinen Stadt und auf dem Dorf. Würden sie es tun, würden sie nie ans Ziel kommen. Die Geschwindigkeit ist hoch, das ist gut für den nächsten Termin und am besten für deinen Blick. Du siehst nichts außer amorpher Masse. Geräusche, die von Schritten kommen; Stimmen, die in Handys sprechen.

Manchmal spuckt das Meer einen Fisch aus. Er steht am Rand und ist erstaunt. Wo blieb der Begleiter? Wo wollte man hin? Wie kam man hierher? Wie soll es weitergehen?

 

Das meiste findet in Häusern statt, im Winter und im Sommer auch. Der Weg von A nach B ist notwendig, nicht mehr. Nicht einmal ein Übel. Notwendig. Es geht nicht anders. Vieles ist vorstellbar, auch das Leben in einem einzigen Haus: Wohnen, Arbeiten, Feiern, Kranksein, Stuhlgang, Sterben – alles in einem einzigen Haus. Jemand wird der erste sein, der dieses Haus entwirft. Du weißt, dass das Haus schon existiert. Es trägt den Namen Stadt und du befindest dich zwischen A und B. Zwischen B und C. Danach weißt du nicht mehr, wo du dich befindest, denn die Unterschiede sind gering.

Sie treten an zum täglichen Schwimmen, niemand muss ein Zeichen geben, perfekt synchronisierte Körpermassen setzen sich in Bewegung. Keine großrahmigen Bewegungen, das bisschen Raum muss für viele Fische reichen. Kaum einer schwimmt den Weg zum ersten Mal. Manchmal ist es lange her, aber Schwimmen in der Masse ist wie Radfahren und Lügen: Du verlernst es nie. Vorher musst du es lernen und es gibt Fische, die nie die Furcht verlieren.

Wenn sie sich dem Ziel nähern, lassen sie sich an den Rand des Stroms treiben. Die besten schaffen das, ohne an Tempo zu verlieren. Die Trampeltiere treten in Hacken, prallen gegen Rücken, haspeln, wispern, betteln: Entschuldigung.

Bitte nie um Entschuldigung! Was schwach ist, bittet um Entschuldigung. Von vielen Schwachen ist eine Entschuldigung das letzte Lebenszeichen, das man von ihnen hört. Danach gehen sie unter und werden nie mehr gesehen und nicht lange vermisst. Schwund ist unvermeidlich.

Ich lasse mich nicht an den Rand treiben, denn ich habe den Rand nie verlassen. Da vorne ist das Ziel, auch heute wieder. Leicht nach links neigen, aber nicht schief werden. Tempo halten, Augenkontakt vermeiden, ausscheren… jetzt! Nicht stürzen! Um Gottes willen! Auf keinen Fall stürzen!

„Hoppala! Pestig! Sind wir heute wieder ein bisschen schief in die Existenz gebaut!?“

Dings um Entschuldigung bitten. Dings ist wichtig, Dings redet viel und gerne, praktisch ununterbrochen. Seitdem er sich von dem Gedanken an Aufstieg verabschiedet hat, bleibt ihm dafür viel mehr Zeit. Sie haben ihm die Dings ins Zimmer gesetzt, das erträgt er nicht. Die Dings riecht gut, ihr Make-up ist astrein, auf dem Kopf trägt sie Frisur. Dreimal das Gegenteil von Dings.

Dings fährt Fahrstuhl, zwei Fahrstühle sind in der Wartung, vor den beiden anderen warten Tausende. Warten mit den Fischen ist schlimmer als Schwimmen mit den Fischen.

Viermal 22 Stufen plus das Zwischendeck macht 96 Stufen.