Der Rohbau der Innenstadt

Du wachst nicht morgens auf und das Projekt steht vorm geistigen Auge. Die Idee schleicht sich über einen längeren Zeitraum an, er kann durchaus lang sein. Wenn man das Gefühl hat: oh, eine Idee, sie kam aus dem Nichts – dann hast du ihre ersten Lebenszeichen übersehen.

 

In den Jahren, bevor die INNENSTADT einen Körper ausbildete, habe ich mich mit drei Ideen beschäftigt, deren Gemeinsamkeit das Stichwort „Stadt“ war. Keine wurde zur INNENSTADT, aber jede einzelne hat mir geholfen. Du musst etwas ausprobieren, um zu erkennen, ob es Kraft und Potenzial besitzt. Ausprobieren heißt bei mir: keine Spaziergänge an der Elbe, sondern hinsetzen und aufschreiben. Erst wenn ich es schreibe und lese, weiß ich, wie es schmeckt.

A: „Ich, wir und die anderen alle“ – Stadtteil in Geschichten

 

Die ersten Sätze, die 2012 aufs Papier kamen:

 

Ludwig und die Vierzehntausend

Ehrgeiziges und groß angelegtes literarisches Projekt: das Porträt eines kompletten Stadtteils (Steilshoop im Hinterkopf) mit seinen Bewohnern, ihrem oft von Geldnot geprägten Alltag, den sozialen Initiativen, den Kindern und Jugendlichen und Senioren, ihren Anlaufstellen, den Geheimnissen und Banden mit ihrer Gegengesellschaft, den Kontakten zu Gleichaltrigen und Lokalen außerhalb des Quartiers.

 

Porträts, Momentaufnahmen, Schicksale, Zuspitzungen, Aufbrüche, Untergänge, Liebeleien, Missverständnisse und die Guerilla-Taktik von Menschen, die am Rande stehen und darum kämpfen, den letzten Schritt nicht gehen zu müssen.

 

Geschichten, die auf Realität beruhen, sich aber die Freiheit nehmen, fiktiv davonzufliegen. Als Transportmittel wähle ich die Form der Zeitung. Wo sonst nichts als die Wahrheit steht, steht bei mir nichts als Fiktion – die der Realität so nahekommt, dass diese dramaturgisch überzeugende Annäherung und das Spiel mit den Ebenen ein geistreiches, amüsantes, spannendes und anrührendes Vergnügen für jeden Leser werden.

 

Alle Geschmäcker werden bedient: Drama, Krimi, Thriller, Melodram, Liebesgeschichte, Fantasy.

 

Der Schauplatz

Ein Stadtteil (14.000 Bewohner) mit Hochhäusern, Problem-Mietern, Migranten, Jugendlichen, Senioren, ihren nicht immer vollständigen Familien und einer Gesamtschule, mit der sie es nicht leicht haben und die Schule mit ihnen auch nicht.

 

Wir betreten das Quartier mit Ludwig (14), er bewohnt mit seiner Mutter und der kleinen Schwester drei Zimmer im achten Stock. Dreh- und Angelpunkt von Ludwigs Alltag ist in der ersten Zeit das Restaurant, in dem arbeitslose Frauen Mittagessen für Kinder und alte Leute anbieten und wo mittelfristig feste Ausbildungsplätze für benachteiligte Jugendliche entstehen sollen. Träger der Einrichtung ist ein privater Förderverein.

Hier bekommt Ludwigs Mutter eine Stelle als Köchin.

Das Lokal wird von Hehlern und Dealern als Umschlagplatz für Diebesgut und Drogen missbraucht.

Ludwigs Mutter zeigt die Kriminellen an, die Ermittlungen verlaufen im Sand. Fortan ist die Köchin das Ziel von Schikanen. Die Politik der Nadelstiche steigert sich zu Angriffen auf Leib und Leben.

Ludwig, zuerst eingeschüchtert, erlebt mit, wie die Gangster einen Freund demütigen. Empört greift Ludwig den Rädelsführer an und schlägt ihn nieder.

Der Bandit wird festgenommen und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Kurz darauf wird Ludwigs Mutter bei einem Unfall verletzt. Sie kann nicht mehr arbeiten, die Familie gerät in Geldnot.

In einer Solidaritätsaktion halten die Beschäftigten des Lokals zusammen, eine „Strohfrau“ spielt die Rolle der Mutter, um den Schein und die Lohnzahlung aufrecht zu erhalten.

Fortan ist Ludwigs Alltag vom drohenden sozialen Absturz bedroht.

Er muss sich entscheiden, wie er leben will: als Angsthase oder als jemand, der gegen ungerechte Zustände angeht.

 

Ludwig besucht die achte Klasse der Gesamtschule. Sein unmittelbares Lebensumfeld ist die Siedlung. Sie ist weder Slum noch Ghetto, aber ein Quartier mit labiler sozialer Situation. Die frühere Mischung der Bewohnerschaft geriet in Schieflage. Außerhalb der Schule spielt sich Ludwigs Alltag überwiegend im Quartier ab.

In den ersten Episoden geht es fast ausschließlich um das von 14.000 Personen bewohnte Quartier und um den „Wilden Westen“, das vergessene Viertel am Rand des Quartiers.

 

Plätze der Handlung

In unserem Quartier spielen soziale Initiativen eine viel größere Rolle als in anderen Stadtteilen. Für Arbeitslose, Migranten, Senioren, Kinder und arme Menschen wird ein Angebot von imponierender Vielfalt geboten – getragen von Ehrenamtlichen, Honorarkräften und Angestellten, die für ihre Aufgabe brennen.

Geldnot heißt der tägliche Begleiter, zahlreiche Initiativen sind von Kürzungen und Schließungen bedroht. Auf diesem Feld trauen sich Bürokraten und Politiker was, denn sie können davon ausgehen, dass es keinen öffentlichen Aufschrei geben wird, wenn sowieso schon am Rand stehende Menschen weiter drangsaliert und in die Hoffnungslosigkeit getrieben werden. Für viele sind die Initiativen mehr als ein Ort gegen Langeweile, an dem man sich aufwärmen und ein Viertelstündchen klönen kann. Diese Orte erleichtern Überleben und Durchhalten und – extrem wichtig – sie verhindern soziale Ausgrenzung, indem sie ein soziales Netz knüpfen, Tipps geben, Jobs, Kontakte. Manchmal ist ein Becher Kaffee mehr als ein Kaffeebecher.

 

••• Stadtteilbeirat

••• Tierhaus (20 Mitarbeiter). Angebot für Kinder

••• Spielwohnung. Kinderbetreuung

••• Haus der Jugend plus Förderverein

••• Kidz e. V. Schaffung von Chancengleichheit unter Jugendlichen

••• „Essen gemeinsam“. Haus der Jugend und Elternschule kochen und essen gemeinsam

••• Rock und Rat. Sozialberatung plus sozialer Second Hand Laden

••• Haus der Nachbarschaft

••• Treffpunkt der evangelischen Kirche

••• Elternschule

••• Mädchentreff

••• Dimbali. Unterstützung im Haushalt

 

Wir bauen keine Feindbilder auf. Die Wohnungsgenossenschaften und Verwaltungen sind nicht die Bösen, es handelt sich um große Organisationen, die sich um Sanierung kümmern und in ihren Geschäftsstellen ansprechbar sind.

Das Stadtteilbüro ist präsent, wer Probleme hat, wendet sich an diese Adresse zuerst.

Im Verein Aktive Mieter arbeiten die Energischen und Zielstrebigen, aber sie wursteln nicht vor sich hin, sondern haben das Große und Ganze im Blick. Damit ist noch kein einziges Problem gelöst, aber damit ist gewährleistet, dass keine Abschottung stattfindet und auch die am Rand, die Cholerischen, Schweigsamen und Schwierigen, die aus den anderen Kulturen und die, für die jeder Monat eine Woche zu lange dauert, nicht von vornherein ausgegrenzt werden.

Beim Pädagogischen Mittagstisch im Haus der Jugend geht es um Kopf und Magen. Warmes Essen und Hausaufgaben nach der Schule.

 

Im Polizeikommissariat kennt man seine Pappenheimer. Die Beamten wissen, dass ein Teil ihrer Arbeit durch die hohe Verdichtung im Quartier begründet ist. Zu den Stammkunden gehören männliche Jugendliche und ihr Testosteron.

 

Unter den Politikern des Bezirks kommt man mit der üblichen Einschätzung parteipolitischer Einfärbung nicht weit. Hier geht es um Personen und um Persönliches; wer sich für das Quartier einsetzt, hat dafür Gründe, die oft in der eigenen Biographie liegen.

Überhaupt ist Kommunalpolitik zupackend und pragmatisch. Erstaunlich, wie vernünftig Politiker reden können, wenn sie nicht vor einer Fernsehkamera stehen.

 

Das ist die Theorie. Aber wie fühlen sich die Figuren an? Das errfahre ich, wenn ich sie in ihren Alltag hineinstelle. Es entstanden diverse Stories, zum Beispiel diese:

 

Frau Gagelmanns Kelle

Er wollte hinein, sie wollte heraus, der Zusammenstoß war unvermeidlich. Er hatte kurze Haare, ihre waren noch kürzer.

„Wenn du fertig bist mit Gucken, schickst du mir eine Mail.“

„Mach ich nicht.“

„Machst du nicht, klar. Und warum nicht?“

„Weil ich nicht weiß, wie du heißt.“

„Und wenn du es weißt, schickst du die Mail oder?“

Er kapierte, worauf sie hinauswollte. Er lachte, aber es hörte sich nicht fröhlich an. Sondern verwirrt.

„Wo steckt denn dein Betreuer? Bist du ihm weggelaufen? Ich sehe auch kein Namensschild um deinem Hals.“

So fing es mit ihnen an und hörte lange nicht mehr auf. Zwischendurch gelang es ihm, sie einzuladen. Sie sagte: „Aber du zahlst. Ich habe nie Geld dabei. Hast du Geld dabei? Wenn du kein Geld dabei hast, brauchst du gar nicht ankommen.“

Er war nicht langsam, aber sie war viel zu schnell für ihn.

Eine dritte Stimme sagte: „Wenn du einen halben Schritt nach links gehst, hast du den Eingang völlig blockiert.“

Daran erkannte Ludwig, dass er immer noch die Tür aufhielt, durch die sie längst hindurchgegangen war. Die dritte Stimme kam von oben, zwei Köpfe oberhalb von Ludwigs Kopf. Er kannte den Typ, er war der, der bei der Berufsorientierung in die Rubrik „Traumberuf“ geschrieben hatte: Leiter. In aller Ruhe hatte er abgewartet, bis der Lehrer mit seinem Monolog über Ernsthaftigkeit und schlechte Witze fertig geworden war. Dann hatte er den Bogen zurück erbeten, hatte „Leiter“ durchgestrichen und „Chef“ darüber geschrieben. Als der Lehrer immer noch nicht zufrieden war, hatte er den Bogen ein zweites Mal zurück erbeten, hatte „Chef“ durchgestrichen und „Schulleiter“ darüber geschrieben. Seitdem mochte Ludwig das lange Elend.

„Ludwig rückte ein Stück und fragte: „Richtig so?“

„Die Richtung stimmt, aber man kommt immer noch durch.“

„Und so?“

„Besser. Vor allem, weil du jetzt dichter an dem heißen Gerät stehst.“

„Was für ein heißes … ? Oh!“

„Du wirst später nie arbeitslos, weil du immer noch als Türstopper gehen kannst.“

Das lange Elend klopfte Ludwig freundlich auf die Schulter und war verschwunden.

„Ludwig!“, ertönte es von der Essensausgabe.

„Die Regierung ruft!“, sagte Ludwig hektisch.

„Das ist das eine“, knurrte das Mädchen. „Das andere ist, wie man darauf reagiert.“

„Ich muss mal eben hin. Sie hat doch niemanden als mich.“

„Heißt das, du spachtelst hier umsonst?“

„Man sieht sich!“, sagte Ludwig hastig. Ihre letzten Worte hörte er kaum noch: „Wehe, du vergisst das Geld.“

 

Halb eins, lange Schlange, Geschubse, Hochkonjunktur, Frau Gagelmann war in ihrem Element.

„Auf den Teller oder aufs Auge?“

Elvis blickte erst Frau Gagelmann an, danach die erwartungsvoll in die Höhe gehaltene Kelle, dann alles von vorn.

Der Hintermann stieß Elvis in die Nieren und murmelte: „Sag ’auf den Teller’. Auf keinen Fall ’aufs Auge’. Sag es gleich. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt.“

Das ging Elvis alles viel zu schnell. Es musste nicht viel passieren, damit es für Elvis zu schnell ging.

Verdutzt blickte er auf seinen Teller. Wie war das Gemüse auf den Teller gekommen? Er hätte gern Frau Gagelmann gefragt, aber die war schon zwei Teller weiter und Elvis wusste nicht, wie er zwei Plätze weiter nach rechts gekommen war, wo die Glasschüsselchen mit dem Nachtisch standen. Wackelpudding, das mochte Elvis. Aber es gab roten und grünen. Wenn er die Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten hatte, blockierte etwas in ihm und er war dankbar, wenn sich jemand erbarmte und ihm die Schüssel aufs Tablett stellte. Egal ob rot oder grün.

„Hey, Frau Gagelmann, alles im grünen Bereich?“

„Du bist früh.“

„Das liegt am Geruch von deinem Essen. Dann erreiche ich Lichtgeschwindigkeit.“

Das alte Spiel: 80 Prozent Kartoffeln, 18 Prozent Soße, der Rest Vitamine, Fleisch überflüssig.

Er saß mit Cat und Chris zusammen. Cat hieß eigentlich Kai, aber er sah angeblich so aus wie ein Sänger, für den seine Großmutter geschwärmt hatte.

„Sei froh, dass du deine Oma nicht an ihr Lieblings-Klopapier erinnerst. Dann würden dich alle Nullnull nennen.“

„Hab deine kleine Schwester getroffen“, murmelte Chris.

„Lass mich raten: Es war ein Vieh in der Nähe.“

„Hundert.“

„Das Tierhaus? Sie sagt, dort würde sie am liebsten wohnen.“

„Da stinkt das doch.“

„Sie sagt, das ist ihr egal. Hauptsache Tiere.“

„Wie alt ist sie jetzt? Vier?“

„Dicht dran. Neun.“

„Wow, dann hat sie einen Sprung gemacht.“

Dreimal in der Woche schlich sich Rina ins Tierhaus, um alles, was Fell oder Federn hatte, zu hätscheln und zu tätscheln. Sie mochte Meerschweinchen und ihre dumme Visage; sie mochte Hühner in der Mauser, die so aussahen, als hätten sie sich schon eine Viertelstunde am Spieß gedreht. Natürlich mochte sie Ratten, aber auch Frösche und Kröten. Wären Krokodile im Tierhaus erlaubt gewesen, wäre sie die zuständige Pflegerin für die Krokodile gewesen. Ludwig wusste, dass Rina eines Tages vor ein Auto laufen würde, weil sie einen Hund verfolgte, der nicht über die Straße laufen sollte. Frau Gagelmann behauptete, die Vernarrtheit in Viehzeug sei eine Phase und würde vorbeigehen. Aber Rina war neun und mochte Tiere, seitdem sie stehen konnte. Jede Fernsehserie, in der Pferde auftreten, war ihre, sogar Zeichentrickserien.

Seltsamerweise mochte sie keine Reitturniere. Pferde, die über Hindernisse sprangen, ließen sie kalt. Das begriff Ludwig nicht, er hatte sie gebeten, es ihm zu erklären. Sie hatte ihn mit ihrem Blick angeblickt und er war auf die Antwort nicht mehr scharf gewesen. Er war mit neun nicht so gewesen. Er war höflich und rücksichtsvoll gewesen. Mit Respekt für Ältere. Hätte er einen älteren Bruder gehabt, wäre er auch zu ihm respektvoll gewesen. Zu dem erst recht.

 

Sie kauten und redeten über die Schule. Das Kauen besaß größeren Nutzwert. Alle Tisch waren voll; wo die Russen saßen, blieben zwei Plätze frei. Bevor man sich zu den Russen setzte, aß man lieber im Stehen. Dabei waren sie nicht direkt unfreundlich, sie aßen auch nicht wie die Schweine. Aber sie strahlten etwas aus. Am Russentisch fand man keine neuen Freunde. Und die Gesprächsthemen, über die man verfügte, waren auch schnell erschöpft. Dann musste man mit den Russen schweigen, das war noch schlimmer. Und immer blieb eine letzte Unsicherheit: Handelte es sich überhaupt um Russen?

 

Cat jammerte über die Schularbeiten. Bei diesem Thema hielt sich Ludwig zurück. Er hatte noch nie bis spät in den Abend hinein an den Aufgaben gesessen. Ludwig bemühte sich, gleich nach dem Mittagessen anzufangen. Die Lücke zwischen Schule und Hausaufgaben durfte nicht zu groß werden, sonst riss der Faden und Ludwig fiel es schwer, sich neu zu konzentrieren. Chris gehörte zu denen, die keine Minute vor 20 Uhr zu arbeiten begannen. Jahrelange Kämpfe mit den Eltern hatte er stoisch ausgesessen. Dann hatten die Erzeuger resigniert, seitdem hatte er seine Ruhe und klopfte gelassen seine schlechten Dreien fest. Chris hatte den Ehrgeiz nicht erfunden, umsichtig steuerte er sein Boot um alle Schulklippen herum. Ludwig fand das nicht direkt dumm, aber für seinen Geschmack ging Chris die Sache zu defensiv an. Er riskierte nichts und langweilte sich deshalb oft. Die Predigten der wenigen Lehrer, die sich für ihn interessierten, steckte er ungerührt weg. Es war nicht so, dass er die Lehrer auslachte. Er gähnte auch nicht, während sie predigten (das tat er hinterher). Aber nichts, was sie sagten, erreichte ihn. Er wollte ohne viel Aufwand durch die Schule und würde es schaffen. Die quälende Langeweile, die ihn zwischendurch befiel, würde er nicht auf sein eigenes Verhalten zurückführen. Schüler, die mehr für die Schule taten, lachte er nicht aus, aber sie taten ihm leid.

„Irgendetwas hat sich verändert“, murmelte Cat und blickte sich um.

„Mein Gott, du hast recht“, entgegnete Ludwig, „jemand hat die Tische geputzt. Ja, was denken die sich denn dabei? Wollen die uns zu Tode erschrecken?“

„Nein, ehrlich. Etwas ist anders. Es sind nicht mehr so viele Opas und Omas da. Oder bilde ich mir das nur ein?“

Alle drehten sich um. Acht Tische, sieben und der Russentisch. Vier mit Alten, zwei mit Kids, einer gemischt. Und der Russentisch.

„Haben die im Lotto gewonnen?“, fragte Cat. „Ich denke, die nagen am Hungertuch. Wo sind die alle? Das waren früher mehr.“

„Denen schmeckt es nicht.“

„Quatsch. Das Essen ist doch gut. Daran gibt es nichts auszusetzen. Sie würzen ja sogar. Ich kenne Lokale, da steht das Salz im Waffenschrank.“

„Brech dir keinen ab“, sagte Ludwig. „Ich verrate meiner Mutter nichts, wenn du meckerst. Sie hat selbst gesagt, wir sollen sagen, wenn was nicht stimmt.“

„Ach ja? Hat sie das? Kein Quatsch jetzt?“

„Kein Quatsch.“

„Du meinst, wenn ich finde, sie könnten sich ihren ewigen Broccoli langsam in die Haare schmieren, könnte ich jetzt aufstehen und zu deiner Mutter gehen und ihr das sagen?“

„Das könntest du, problemlos. Aber ob du im Krankenhaus, in das sie dich nach dem Schlag mit der Kelle einweisen werden, nicht auch Broccoli kriegst, weiß ich natürlich nicht.“

„Ich habe gehört, die Angestellten kriegen jeden Tag die Reste mit nach Hause“, sagte Cat. „Heißt das, ihr esst zweimal warm? An einem Tag?“

„Bis 19 Uhr", bestätigte Ludwig großspurig. „Aber irgendwann kommt abends natürlich der große Hunger, dann muss das dritte Essen auf den Tisch.“

„Ehrlich?“

„Natürlich nicht, du Dussel. Natürlich sacken die Angestellten nichts ein. Außer es gab etwas, das schnell weg muss.“

„Broccoli.“

„Oder Hackfleisch. Die wollen ja nicht riskieren, dass hier die große Scheißerei ausbricht.“

„Finde ich nett. Und was ist mit Alkohol? Ein Fass Bier? Ein Fläschchen Wein?“

„Wann hast du denn hier zum letzten Mal Wein gesehen, Chris?“

„Habe ich nicht. Weil ihr ihn abzweigt. Wenn ich, sagen wir mal, heute abend überraschend meinen Freund Ludwig besuchen würde und ihr sitzt gerade beim Abendbrot, was würde ich da erleben?“

„Rina würde Brot kleinschneiden, damit ihre Meerschweine sich keinen Zahn ausbrechen. Frau Gagelmann würde die Schularbeiten durchgucken, die wir ihr jeden Tag zeigen müssen. Und ich würde darüber nachdenken, wie viel Geld ich einstecken muss, wenn ich ein Date im Kaffeeshop habe.“

„Deine Mutter lässt sich von dir einladen?“

„Weißt du, Cat, was mein größter Wunsch ist?“

„Perry Rhodan persönlich treffen.“

„Davon abgesehen. Mein größter Wunsch wäre es, unterm Tisch zu sitzen, wenn du ein Date mit Mona oder Vivi hast. Ich glaube, ich würde mich vor Lachen nassmachen.“

„Das nimmst du zurück.“

„Okay, wenn es dir wichtig ist.“

„Das ist mir wichtig. Ich weiß, worüber man sich mit Frauen unterhält.“

„Ja, aber was ist außerhalb deiner unanständigen Träume? Im richtigen Leben, was ist da?“

„Da gehe ich taktisch klug vor. Ich denke, wie würde der HSV jetzt spielen und dann mache ich das Gegenteil davon.“

Es gab einen Augenblick, in dem niemand sprach. Drei Dutzend Menschen waren damit beschäftigt zu essen. Nur das Klappern von Geschirr, und an der Essensausgabe wurde ein Warmhaltetopf gegen einen neuen getauscht. Dann orgelte ein Handy, bei den Russen, vielleicht auch an einem anderen Tisch. Nein, es war wohl bei den Russen. Nun waren wieder Stimmen zu hören und Ludwig sah zu Frau Gagelmann hinüber, die gerade einem neuen Gesicht etwas erklärte. Eine Frau, älter als Frau Gagelmann, müde sah sie aus, aber nicht schlecht. Die Haare hatte sie zu einem Turm gebunden und unter einem Tuch versteckt. Alle anderen trugen Plastik und Netze. Nur die Neue hatte ein Tuch, es stand ihr außerordentlich gut. Die Neue zuckte mit den Schultern, eingeschüchtert sah sie aus und mutlos. Frau Gagelmann ließ sie das, womit sie eben gescheitert war, wiederholen. Es ging besser, nicht gut und längst nicht perfekt. Aber besser. Es gab einen Fortschritt, Frau Gagelmann war zufrieden. Plötzlich blickten beide Frauen Ludwig an. Es sah aus, als habe sein Blick Geräusche produziert. Dabei hatte er sie nur beobachtet.

 

Auf dem Heimweg kam er am Haus der Jugend vorbei. Fahrräder, einige Roller. Hinter den Scheiben war nicht viel Bewegung. Um diese Zeit saßen sie an den Hausarbeiten. Ludwig hatte da auch gesessen. Sie hatten ihn nicht weggeschickt, er hatte von allein kapiert, dass es nun genug war und seinen Platz für einen Jüngeren frei gemacht. Lange hatte er sich vorgestellt, dass sein Stuhl die letzte Chance für eine arme Wurst gewesen war. Die Vorstellung hatte ihm gutgetan.

B: Die Idee „City Nord“

 

Eine der ältesten und schönsten Bürostädte in Deutschland. Sie liegt in Hamburg zentral zwischen Stadtpark und Flughafen (der in Hamburg sehr zentral liegt), sie hat 30.000 Arbeitsplätze. Das war der Witz des Ansatzes: einen Stadtteil zu wählen, der nicht durch Wohnen geprägt ist und gar nicht durch Einkaufen und Konsum, sondern durch Büros.

In diesen Wochen Anfang 2013 entstanden Absätze, mit denen ich später auch bei anderen Ideen weiter arbeitete.

 

City Nord ist eine vitale, pralle und bisweilen bewusst flüchtige Reihe von Episoden. Vielen Figuren begegnen wir einmal und nie wieder; manche sehen wir dann und wann, kommen ihnen aber nie wirklich nahe.

Figuren, die die Handlung prägen und deren Wege wir verfolgen, stellen sich im Lauf der Handlung heraus. Keineswegs ist die Dramaturgie von City Nord so vorhersehbar und einfältig wie die deutscher Fernsehserien.

Denn mein Ansatz und Schauplatz (ein Metropolen-Quartier in ständiger Bewegung) muss zwangsläufig mit anderen Mitteln abgebildet werden als eine TV-Familienserie oder Landarztserie.

 

Mittelfristig werden folgende Figuren und Gruppen wichtig werden:

Zentrale von Vattenfall

Die Wäscherei, Einrichtungsladen

Ladenbetreiber und ihre Kunden

Die Angestellten der Bürohäuser – große Zahl, große Bedeutung

Bildende Kunst in den Bürohäusern

Die Parkhäuser

Der Arzt und seine Patienten

Die Schulen und ihre Auszubildenden

Das Hotel

Sport

Die Zentrale Zone

Die Künstler und die, die sich dafür halten

Die Trainierenden in den Klubs

Die Werbeagentur

Die Bewohner

Die Flüsterkneipe

Der Taxifahrer und Philosoph

Der pensionierte Cop, dem ein ungeklärter Fall keine Ruhe lässt

Die Kita-Kinder

Die Knöllchenschreiberin

Der Kurier – Lebenskünstler, der die schnellsten Wege kennt

Der verrückte Stadtführer – zeigt das Quartier, wie nur er es sieht

Die Ausreißer, die hier versteckt und in den Kleingärten leben

Die jenigen, die ständig durchs Bild huschen

Und diejenigen an den Haltestellen

 

Um zu sehen, wie sich die City Nord literarisch anfühlt, schrieb ich 40 Stories.

  1. 999.999
  2. Afrika oder Eisland
  3. Nur ein Gespräch
  4. Das Spiel
  5. Das untrennbare Paar (1)
  6. Das untrennbare Paar (2)
  7. Recht & Ordnung
  8. Bridge over troubled Water
  9. Muscheks Insel (1)
  10. Muscheks Insel (2)
  11. Erste Liebe
  12. Die neue Kollektion
  13. Draußen vor dem Haus
  14. What a wonderful World
  15. Der Clown (1)
  16. Der Clown (2)
  17. Das Debut (1)
  18. Das Debut (2)
  19. Das Debut (3)
  20. Tagesfreizeit (1)
  21. Tagesfreizeit (2)
  22. Die Volkskantine
  23. Spritztour
  24. Der Weg ist das Ziel
  25. Die Regenwolke (1)
  26. Die Regenwolke (2)
  27. Der Wettkampf zwischen Taube und Elster
  28. Abschied vom Revier
  29. Weg zur Harmonie (1)
  30. Weg zur Harmonie (2)
  31. Hände hoch
  32. Betriebspraktikum (1)
  33. Betriebspraktikum (2)
  34. Taschenbillard
  35. Die Sommerschule (1)
  36. Die Sommerschule (2)
  37. Die Sommerschule (3)
  38. Hüter der Ordnung
  39. Die Hymne (1)
  40. Die Hymne (2)

 

999.999

„Macht acht fuffzig.“

„Fünfzig.“

„Für Sie acht fünfzig.“

„Geht doch.“

„Arschloch.“

„Ich höre Sie.“

„Glück und sechs Richtige.“

 

Gestern hatte er noch nicht gewusst, was er heute tun würde. Selbst morgens in der Bahn war er unentschlossen. Es war eine dieser Fahrten, wo einem aus allen Richtungen Zahlen zufallen. Der Fettwanst las ein Buch mit der 187 auf der Rückseite; die zerrissene Strumpfhose hatte eine 8 auf der speckigen Tasche; das Bordfernsehen sendete Tennisergebnisse; die Männer hinter ihm redeten über etwas, das mit Kanalisation und Bauterminen zu tun hatte. 15 Millionen Kosten, 30. September Bewerbungsschluss, 1.425 Euro für zehn Tage all inklusive in den Tiroler Alpen. Als er den Bahnsteig verließ, musste er die Zahlen nur noch in eine Reihenfolge bringen.

 

Er ging gleich zum Lottoladen. Je früher, desto sicherer. Morgens kamen die Stammkunden, bei denen es zackzack ging. Keine Fragen, kein Stau. Blick nach vorne, bloß nicht nach unten gucken. Er war nicht im Puff, er musste kein schlechtes Gewissen haben. Wer Lotto spielte, konnte ein guter Mensch sein. Etwas phantasielos vielleicht und mit Sicherheit ein Ausfall in Mathematik. Aber nicht anstößig, nicht asozial. Lottospielen zeigt, dass noch Hoffnung im schlaffen Körper ist. Auf eine Bemerkung musste man im Lottoladen natürlich gefasst sein. Es gab einen Pool von zehn flapsigen Anmachen, man musste nicht schlagfertig sein, um einen Konter zu landen. Im Lottoladen waren alle gleich. Sie mussten keinen Wettbewerb in Hellsichtigkeit und Lebenslügen austragen. Nur die Zahlen in die Kästen, den Zettel auf die Theke, Geld, Rückgeld, guter Tag guter Weg und Abgang.

Manche brauchten Stunden. Bevor sie sich die Zahlen abgerungen hatten, lief die Kernarbeitszeit auf vollen Touren. Hingebungsvoll starrten sie auf den Zettel. Weshalb taten sie das? Ob System oder Normal – es war hirnrissig. Wollten sie eine schlechte Zahl gegen eine bessere Zahl austauschen und zuletzt alle Zahlen gegen die guten Zahlen?

Er kannte die Wahrscheinlichkeiten und wusste, dass 1 zu zehn Millionen ein anderer Ausdruck für Null ist. Auch 1 zu fünf Millionen. Bei 1 zu einer Million war er nicht mehr sicher, zumal wenn man mehr als ein Feld spielte, vier oder fünf, zehn oder zwölf. Und das jede Woche und womöglich Mittwoch und Samstag. Dann wuchs die Wahrscheinlichkeit. Seltsamerweise frustrierte es ihn noch mehr, wenn er bei hoher Wahrscheinlichkeit vergeigte. Deshalb spielte er nicht mehr 6 aus 45. Dass vier fehlende Zahlen so absolut ohne Wirkung bleiben können!

 

Er hatte Schulden, jeder hatte Schulden. Aber er war nicht verschuldet. Er drückte lediglich seinen gesellschaftlichen Obolus ab, damit das Hamsterrad immer gut geölt war. Lotto brachte Nonsens in die sachlichen Abläufe. So lange noch jemand Lotto spielte, war das Mittelalter nicht vollends aus dem Erbgut verschwunden. In den Lottoläden und auf den Prospekten stand stets das Mantra mit der Spielsucht, Vierpunktschrift oder noch kleiner. Niemand nahm das wahr. Wer anfällig für Süchte war, spielte kein Lotto. Um Adrenalin auszuschütten, gab es reizvollere Wege.

Einige Kollegen spielten Lotto. Der Unterschied war ihre Bereitschaft, darüber zu sprechen. Mancher redete zehnmal in der Woche darüber, mancher nie. Mancher ließ den Zettel für alle sichtbar auf dem Tisch liegen, mancher schloss mit verhuschter Gestik Schubladen und trug das Beweismaterial dicht am Körper.

Weil alle Kollegen beruflich mit Zahlen zu tun hatten, wussten alle Bescheid, niemandem war eine Erkenntnis nahezubringen, über die er nicht seit langem verfügte.

Männer spielten häufiger als Frauen. Techniker spielten besonders häufig. Je ärmer, desto mehr und ab einer gewissen Armutsschranke deutlich weniger.

Jeder kannte jemanden, der gewonnen hatte. Nicht die Million, aber Fünf Richtige kamen nicht so selten vor, dass man es als Sensation empfand. Niemand machte langfristig Gewinn, alle legten Wert darauf, sich nüchtern zu geben. Nicht zynisch, das nicht. Man konnte nicht gegen Lotto polemisieren, so lange man selbst spielte. Einige hatten aufgehört, aber die hatten auch aufgehört zu rauchen und fuhren nicht mehr Sechszylinder. Es gab Kollegen, die irgendwann ihre Kosten zurückgefahren hatten. Nicht weil sie in Not waren, sondern weil etwas in ihnen zu einem Abschluss gekommen war.

So war das, wenn man nicht mit Idioten zusammen arbeitete, sondern mit Leuten, für die man sich nicht schämen musste. Ein Arschloch gab es immer, einen Kaspar gab es immer, einen Esoteriker gab es immer und auch ein ideales Opfer, das in fünf Jahren zehnmal auf Betrügereien und faule Versprechen hereingefallen war – ohne daraus auch nur das geringste zu lernen. Es gab solche Menschen. Die Kunst war, sie trotzdem nicht zu verachten.

Den weiten Weg zu seiner Arbeitshöhle ging er in dem Tempo, an dem man ihn aus dem fünften Stockwerk von weitem erkannte. Nicht direkt lahm, keineswegs energisch; nicht so, als habe er es eilig, aber auch nicht alt und verbraucht. Seine Gehweise besaß Potenzial. Ob er es bis zur Beerdigung jemals abrufen würde, stand nicht fest und er wusste es am allerwenigsten. Aber es war nicht unmöglich. Das war das Pfund, mit dem er wucherte und kokettierte. Wäre er eine Frau gewesen, hätte man ihn „stilles Wasser“ genannt. Aber auch eine Pfütze war ein stilles Wasser. Und es gab kein Mineralwasser, das er annähernd stark verabscheute.

 

Eine Frau, ein Junge, ein Auto, zur Zeit keine Affäre, genau wie im letzten Jahr und im vorletzten auch. Anlass genug, um bei Gelegenheit einen Gedanken daran zu verschwenden. Zwei Bausparverträge, ein Sparvertrag, ein überschaubares Erbe, auf dem Tagesgeldkonto geparkt. Ein Arbeitgeber, über dessen Zinsen die Kollegen Loblieder sangen. Alles, was ihm fehlte, waren ein Tritt in den Hintern und ein Ziel. Vielleicht nicht in dieser Reihenfolge.

Er kannte Kollegen, die in depressive Verstimmung gefallen waren, weil sie mit Mitte dreißig noch keine Immobilie besaßen. Er kannte zwei Kolleginnen, für die bei der Wahl des Lebenspartners die Lage an der Immobilienfront nach eigenem Eingeständnis zu den wichtigsten Argumenten gehört hatte. Lange hatte er das für ironische Bemerkungen gehalten, heute wusste er es besser.

Ihm fehlte das Immobilien-Gen. Seiner Frau fehlte es auch, aber in ihren Augen war Glanz, wenn man von einem Besuch bei Freunden in frisch bezogenem, gebauten, erworbenen Immobilienbesitz zurückkehrte. Selbst der Sex fiel im Anschluss an solche Besuche deftiger aus, aber das konnte auch am Alkohol liegen. Was ihm lieber gewesen wäre.

Er war im Team nicht dafür zuständig, die Wirtschaftsdaten zu sammeln und für den Einsatz an der Kundenfront zu polieren. Aber er wusste genug: Mit einer Immobilie konnte man im derzeitigen Umfeld nichts falsch machen, wenn man seine Zelte nicht gerade in Vorpommern oder Uelzen aufschlug. Es gab Stadtteile, die nicht infrage kamen. Aber das war keine Blamage, sondern Vernünftigkeit. Realismus in einem Ausmaß, wo es noch nicht zu Berührungen mit Piefigkeit gekommen war. Seit acht Jahren wohnten sie in Lokstedt, mit Lokstedt war er durch. Er kannte die Handvoll Straßen, durch die er nicht ohne Gefühle von Neid spazieren mochte. Er kannte jeden Quadratmeter, der neu bebaut worden war. Alles sehr praktisch und vernünftig. Sogar bezahlbar. Obwohl er manchmal dachte, er sei zu alt dafür, um mit jungen Familien und vierjährigen Zwillingen Doppelhaushälfte an Doppelhaushälfte zu grillen. Seine Frau sagte: „Was hast du für ein Problem?“ Er sagte: „Weißt du, warum eine Immobilie so heißt, wie sie heißt?“ Sie sagte: „Das muss ausgerechnet ein Abenteurer und Weltenbummler wie du sagen.“

Ihre Füße in Schuhgröße 39 hatten bisher siebzehn Staaten betreten, seine vier. Zwei davon waren Österreich und die Schweiz. Sie hänselte ihn deswegen nicht, im Gegensatz zu Tassengrün, rechter Schreibtisch, der sich genüsslich über seinen „tiefen Schwerpunkt“ verbreiten konnte und eine Lebensweise, die die 100 Meter schwerlich in weniger als 60 Sekunden zurücklegen würde. Zehn Tassengrüns mehr und er hätte angefangen, sich zu wehren. Alle großen Arbeitgeber hatten begonnen, Sportprogramme aufzulegen, das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er kreuzte alles an, wobei man sich nicht oder wenig bewegen musste: Darts, Schach, Billard. Später stieß er auf einen Zettel, auf dem seine Sportarten als besonders geeignet für alle Zustände nach Herzinfarkt und bei nicht mehr behandelbarem Rheuma genannt wurden. Das ernüchterte ihn vollends. Seitdem fuhr er Fahrrad, schwerpunktmäßig zwischen Mai und Juli, aber nur wenn es nicht zu warm war oder zu schwül oder zu windig. Er kaufte sich ein Rad für über tausend Euro, das ihm nach acht Wochen aus der Garage geklaut worden war. Selten hatte ihn etwas unbeteiligter gelassen.

 

Auf der anderen Straßenseite trabten sie wieder, irgendein Lauf stand immer bevor. Er kannte die Läufer nie und verdächtigte eine unbekannte Macht, Hartz IV-Angehörige für diesen Job anzuheuern, um Phlegmatiker wie ihn zu reizen.

Acht Euro fünfzig hatte er rausgeworfen. Im besten Fall würde er eine runde Million gewinnen. Mehr war möglich, aber er hielt es für vernünftig, nicht vollends abzuheben. Über 999.999 Euro dachte er nicht hinaus, eine Grenze tat ihm gut. Und er musste sich nicht genieren, denn wagemutiger hatte er noch nie gedacht und nie gehandelt. Als aktiver Verächter von Taschenrechnern addierte und subtrahierte er im Kopf mit einem Tempo, das ihm in Lokalen manche Freirunde eingetragen hatte. Wenn er in zehn Minuten zum Telefon greifen würde, hätte er eine Viertelmillion locker gemacht – bis heute abend. Bis morgen abend würden weitere Zehntausende dazukommen, wenn auch nur mit Hilfe von Kündigungen. Machte mit dem Gewinn rund eineinhalb Millionen.

Er war sicher, federnder zu gehen. Nicht dass er sprang oder hüpfte. Aber da war etwas, was vor fünf Minuten noch nicht dagewesen war. Er brachte fast 4000 Euro mit nach Hause, seine Frau gute tausend. Sein Sohn war preiswert im Unterhalt, größtenteils wegen seiner Antrieblosigkeit. Sie zahlten 900 Euro Miete und die üblichen festen Kosten. 500 Euro davon waren dummes Zeug und konnten entfallen, ohne wehzutun. Geld war zur Zeit billig, seine Schufa-Daten waren wie aus dem Lehrbuch. Weil er nie ein Risiko eingegangen war, traute ihm keine Statistik Risikobereitschaft zu. Statistisch stand er zwischen Langweiler und Todesfall. Aber er war so gut wie gesund. Keine Zeitbomben bekannt.

 

Kollegen waren nach Ahrensburg gezogen. Einer nach Bargteheide, der hatte angefangen zu trinken. Nach der Scheidung war seine Frau in Bargteheide beim neuen Lebenspartner geblieben. Der Kollege hauste in einer verwarzten Zwei-Zimmer-Butze in Altona über einem Döner-Grill und sagte: „Nie im Leben habe ich etwas so geliebt wie diese Wohnung.“ Niemand aus dem Kollegenkreis hatte sich diese Höhle ein zweites Mal angetan.

 

Aus dem Nichts auf Hundert. Das gefiel ihm prinzipiell und erst recht, wenn es ihn betraf. Keine Silbe des Satzes brachte er mit sich und seiner Mentalität in Beziehung. Wer sich selbst überraschen konnte, wie sehr würde er erst die anderen überraschen? Nicht seine Frau, seine Frau nicht. Sie war vom Stamme „zupackend“. Für sie war ein Problem dafür da, um es zu Boden zu ringen, während er daneben stand und darauf wartete, dass seine Schockstarre vergehen möge. Er war umgeben von Zeitgenossen, die für ihn da sein würden: mit Rat, Tipps, Aufmunterung. Handwerker waren selten anzutreffen, aber er wollte das Haus auch nicht mit Muskelhypothek hinstellen. Seine Eltern hatten ihr Haus zu 90 Prozent samstags gebaut. In den übrigen zehn Prozent steckten die Bauschäden.

Man würde ihn nicht auslachen und nicht hinter seinem Rücken lächeln. Er würde Augenmaß zeigen. Nicht in einem übertriebenen Ausmaß, dass man es Phantasielosigkeit und Feigheit nennen wollte. Aber Augenmaß, praktische Vernunft. Das konnte nicht falsch sein. Sein Job war sicher. Nicht bombensicher, aber er war kein Beamter. Irgendein Risiko war immer und er fand das nicht falsch. Risiko, das war, als würde die Seele regelmäßig eine Stunde Fahrrad fahren.

Vorne rechts lag seine Hütte, sein Fenster im fünften Stock war das erste, das man von hier nicht sehen konnte. Er hatte vergessen, die Bagels von „Oh, It’s Fresh“ mitzubringen. Jeder Zweite im Team mochte sie gern, vor drei Jahren hatte er zum letzten Mal daran gedacht. Er nahm sich vor, sich nicht dafür zu entschuldigen. Dann würden sie nur beginnen, ihn für seine Saumseligkeit zu hassen. Ohne Entschuldigung würden sie ihn für einen vergesslichen Kollegen halten.

Die Schreibtischlandschaft, Tassengrüns zum Gruß erhobener Arm, der Taschenrechner, das Telefon. Das Telefon. Das Telefon.

C: „Jeden Freitag“ – Grindelviertel

 

Bereits im Jahr 2011 kümmerte ich mich um das Quartier rund um die Hamburger Universität. Hier habe ich lange gewohnt, in verschiedenen Wohnungen, sehr schönen Wohnungen, mit sehr schönen Frauen.

 

Großstadt, Universität, jüdische Tradition und Gegenwart plus eine Tochter, die bald dort studieren wird. Das reicht als Motivbündel völlig aus.

Bei der Idee habe ich zuerst an eine Fernsehserie gedacht.

 

Der rote Faden

Jeden Freitag fährt Lili (16) von 13 bis 19 Uhr für einen Gemüsehändler Waren aus. Sie überredet den Händler, der jemand mit Führerschein suchte und fährt eine selten zu sehende Fahrrad-Konstruktion – ein Dreirad mit Ladefläche – wegen der sie mit den örtlichen Polizisten in Dauerfehde liegen wird.

Wir befinden uns im Universitätsviertel der Großstadt. Die hier liegenden Geschäfte sind geprägt von Einzelhandel, der noch vom Inhaber geführt wird. Filialketten gibt es kaum. Dafür Kino, Musikklub, Theater, Puppenbühne, Klub für Stand-up-Comedians, Kneipen, Restaurants, Kaffeeshops.

Kleine Firmen haben sich angesiedelt: TV-Produktionsfirma, Musikstudio, Spiele-Entwickler. Der Mix an Geschäften ist abwechslungsreich – von der Fahrradwerkstatt bis zur Galerie, von Second-hand-Klamotten bis zum Bäcker für Getreide-Allergiker. Ein Teil der Geschäfte gruppiert sich um die Universität und hat Bezug zu ihr (Buchläden, Copyshops, preiswerte Mode); der andere Teil ist ausgesucht und teurer und trifft den Geschmack der gut verdienenden und oft auch hier wohnenden Hedonisten.

Vor dem Krieg lag hier das jüdische Viertel, derzeit schlagen jüdische Ansätze – meist von Menschen aus Osteuropa – neue Wurzeln.

In dem Viertel liegen auf engstem Raum diverse soziale Biotope: studentisches und junges Milieu, allein lebende und alt gewordene Mieter, bürgerliche Wohnstraßen mit Gründerzeithäusern, in denen die 240 Quadratmeter-Wohnungen noch nicht geteilt wurden; um den Park herum großbürgerliche Villen, in denen altes und neues Geld lebt.

 

In diesem Biotop ist Lili unterwegs. Der Gemüseladen bietet ein hochwertiges Angebot an, Nahrungsmittel und Weine. Beliefert werden Privatleute und Lokale. Durch ihren Job bekommt Lili Kontakt zu verschiedenen Welten – vor allem zu denen, mit denen sie auf andere Weise nie Berührung haben würde.

 

In jeder Episode erleben wir Lili bei der Belieferung von Kunden. Ihre Ankunft löst die Handlung aus – wenn nicht beim Kunden selbst, so in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Man kennt Lili, grüßt sich, man wechselt einige Sätze. Eine maulfaule Botin wäre nicht gut angesehen. Lili ist schlagfertig und offen, Anmachen kontert sie genauso gut wie sie in der Lage ist, auf gewöhnungsbedürftige Menschen einzugehen.

Vom Gemüsehändler erhält sie einen dürftigen Lohn, den sie mit den Trinkgeldern aufstockt. Das ist allen bewusst: Lili, ihrem Arbeitgeber und den Kunden.

 

Lili ist fix und schaltet schnell. Sie erkennt Chancen, wenn sie ihnen begegnet und nutzt sie. Weil sie auf ihren Wegen viele Leute sowie deren private, handwerkliche und künstlerische Ausrichtung kennenlernt, ist sie bereit, in entsprechenden Geschäften ein freies Eckchen zu organisieren, wo die Talente ihre Angebote präsentieren können.

 

Serienepisode: Der Zweitjob

Wenn im Musikstudio eine Produktion läuft, beginnt die Arbeit am Nachmittag und geht bis tief in die Nacht, manchmal bis zum frühen Morgen. An diesen Freitagen liefert Lili große Mengen Lebensmittel an, für die sie mehrmals fahren muss, was ihren Auftraggeber ärgert.

Die Musiker mögen Lili, weil sie nicht zickig ist und sich nicht wie ein Fan benimmt. Sie bedauern, dass Lili nur freitags erscheint. Die männlichen Boten an den anderen Tagen bringen es nicht. Man handelt einen Deal aus. Für die Dauer der Aufnahmen spielt Lili exklusiv für das Studio die Botin. So kommt sie zu Arbeitszeiten, die ihr Vater nicht akzeptiert. Aber er weiß es ja nicht.

Im Studio wird nicht nur Musik gemacht, hier tritt der Grafiker an, der das Cover und die Plakate entwirft und von den Musikern Druck kriegt; hier sitzt strickend die Frau des Schlagzeugers, die verhindern will, dass er heimlich trinkt; der Keyboarder führt Dauertelefonate mit seinen unübersichtlichen Beziehungen, die Lili auf der Flipchart graphisch für ihn aufbereitet; man muss den Produzenten zurechtstutzen, der eine große Chance in England bekommen soll und mit den Gedanken nicht bei der Sache ist; der Songtexter arbeitet an seinem ersten Musical und hält mit seinen Sonderwünschen den Betrieb auf. Für alle Nebenschauplätze ist Lili hilfreich. Sie treibt sogar die einzigen Handtücher auf, mit denen sich der Gitarrist rituell das Gesicht abwischt. Überhaupt kennt sie Bezugsquellen für Klamotten, die selbst den kundigen Musikern unbekannt waren. Man bietet ihr an, auf der nächsten Tournee die Tourneebegleiterin zu spielen, die dafür sorgt, dass die Musiker um 20 Uhr nüchtern und vollständig bekleidet auf der Bühne stehen. Dass Lili nicht volljährig ist, hält niemand für ein Problem.

 

Auf ihren nächtlichen Wegen erlebt Lili eine Aufregung nach der anderen. Sie vereitelt einen gewalttätigen Anschlag auf einen Geldautomaten; wird um ein Haar von ihrem Vater entdeckt, der nach einer Sitzung mit Kollegen ausgehungert in einen Imbiss einfällt; ertappt einen bekannten Geschäftsmann beim nächtlichen Pinkeln; und als sie nach vielen Aufregungen mit den Fressalien das Studio erreicht, schenkt sie alles vor der Tür aus Mitleid zwei Obdachlosen.

Im Studio will sie ein Geständnis ablegen, aber dort lief eine Wette; die vermeintlichen Obdachlosen sind Gastmusiker, und die Wette ging um Lilis großes Herz. Die Band bringt ihr ein Ständchen, Lili heult vor Rührung.

A und B und C

 

„Großstadtroman“, „City Nord“, „Jeden Freitag – Grindelviertel“ – Ich zog Bilanz. Was inzwischen feststand: Ich wollte eine extrem umfangreiche Saga hinstellen, nicht nur einen einzigen Roman, nicht nur einen umfangreichen Roman – sehr viel umfangreicher am liebsten mit open end – eine lange laufende Saga, mit deren Figurenpersonal ich weiterschreiben kann, so lange jemand das lesen will. Theoretisch also eine ewig laufende Saga.

Das bedeutete das Ende der klassischen Printveröffentlichung und den Abschied von unseren liebenswert-hochnäsigen und verschnarchten Buchverlagen. Ich habe 70 Buchveröffentlichungen auf meiner Tanzkarte, ich muss niemandem beweisen, dass ich ein einfallsreicher und fleißiger Bursche bin. In 50 Jahren bin ich tot, es wird Zeit, die wahnwitzigen Projekte anzupacken: eine literarische Saga, die es von Ansatz, Vielfalt und Umfang im deutschsprachigen Bereich noch nicht gegeben hat. Zwei Essentials: Du musst extrem einfallsreich sein und extrem schnell schreiben. Sonst wird das nichts.

 

Die Innenstadt als Schauplatz kam auf mich zu, als ich ins Gespräch mit dem Centermanager des Levantehauses kam, der schönsten Hamburger Passage. Man suchte damals ausdrücklich nicht nach einer Printlösung, das Gespräch begann. Im Frühjahr 2013 begann ich, mich an das Thema heranzuschreiben. Das Gespräch endete, ich schrieb weiter.