Die Zukunft in zehn Versionen

Die INNENSTADT wird folgenden Verlauf nehmen: Jede Woche ein ebook, acht Staffeln à jeweils 13 ebooks. Das sind 104 ebooks gleich zwei Jahre. Das alles wird stattfinden.

Ich möchte weiterschreiben, dennoch existieren zwei Buchprüfungstermine. Der erste findet nach 52 Ausgaben statt. Bis dahin muss das Geldverdienen begonnen haben, Es darf noch unterhalb des Bestseller-Niveaus liegen, aber es muss Hoffnung geben. Dann folgen weitere 52 Ausgaben.

Danach – also nach zwei Jahren pausenloser Veröffentlichungen – ist der Große Ratschlag vorgesehen.

Entweder war’s das oder es folgt direkt im Anschluss ebook 105, 106, 107.

 

In zwei Jahren kann viel passieren, in zwei Jahren kann auch gar nichts passieren. Das werden wir in Demut und elegant verhülltem Größenwahn abwarten.

Theoretisch könnte ich heute zehn mögliche Schicksale des Projekts INNENSTADT STORIES aufschreiben. Aber wer will das lesen? Und wie könnte das aussehen? Andererseits… Okay, ihr habt mich überzeugt.

1.

In der ersten Woche passiert gar nichts, keine 50 Verkäufe. Wir köpfen den ersten Champagner, stellen dazu ein Glas Senf auf den Tisch, als Mahnmal, Yin und Yang.

In der zweiten Woche sinkt der kaum vorhandene Verkauf auf null. Der restliche Champagner kommt auf den Tisch, das erste Mitglied des Teams sagt unter einem fadenscheinigen Vorwand ab. Ich stelle ihm vors geistige Auge, dass er, wenn er heute nicht erscheint, den Erdteil wechseln kann. Er erscheint, weil er ein Feigling ist, hat aber schon fröhlicher ausgesehen.

Die Wochen 3 und 4 vergehen wie ein Aussschlag, der sich häuslich einrichtet.

Dann der Zeitungsartikel, schlecht geschrieben wie heutzutage fast jeder Artikel. Das Blatt klein und unbekannt und von dieser bescheidenen Qualität, für die man ja heutzutage schon froh sein muss. Den Autor kennt kein Mensch. Ich lese den Mist fünfmal, bevor ich das, was mich seit dem ersten Moment piesackt, in Worte fassen kann. Es ist eine Liebeserklärung, linkisch formuliert. Als würde man seiner ersten großen Liebe mit Toffifee vom Stapel neben der Supermarktkasse gegenübertreten. Sprache als Dutzendware, kein Einwickelpapier, keine Schleife, die Blumen natürlich auch vergessen. Aber die Augen! Die Augen reißen alles raus! In ihnen ist Liebe, eine unfassbare Treuherzigkeit, so groß und schutzlos, dass dem bösartigsten Zyniker der Mund verschlossen bleibt. Der Text mag die INNENSTADT, bis zum letzten Satz findet er nicht den Satz, der das konzentriert in Worte fasst. Es ist, als würde er noch gar nicht wissen, wie sich, was er fühlt, in Worten anhören könnte. Vielleicht werden ihm die Worte nie einfallen, aber er spürt schon etwas und müht sich mit dem Versuch ab, es uns wissen zu lassen. Es ist die Rohform des Artikels, der nie erscheinen wird. Aber er enthält schon alles, wenn auch rudimentär, leise, irgendwie verhackstückt. Aber es ist Liebe, ohne Zweifel. Ich muss ein Dutzend Mal lesen, bevor mich dieser Artikel endgültig geschafft hat. Sagte ich schon, dass der Artikel so überhaupt nicht professionell ist?

Danach beginnt es zu steigen, noch nicht bemerkenswert, aber es wird jede Woche mehr. Nur zwei- oder dreimal nimmt jemand in den kommenden Wochen Bezug auf diesen Artikel. Aber es steigt immer mehr und ich wette jeden Betrag, dass wir alles diesem Artikel zu verdanken haben in der kleinen Zeitung, die niemand kennt, von dem Autor, den kein Mensch kennt.

2.

Die Netz-Prolls in den vollgepissten Trainingshosen und den pizzabekleckerten Shirts werden pampig, das wurde auch Zeit. Irgendeinem passt irgendwas nicht und natürlich musss er davon den Rest der Erdbevölkerung in Kenntnis setzen, damit geht es los. Die Dummen werden beleidigend, die Klugen werden gemein. Es wird lauter und gereizter, eine Fensterscheibe geht zu Bruch. Der Autor hat die Faxen dicke, er entschlackt sich in einem sehr öffentlichen Monolog über den Geisteszustand der Schreihälse, die tun, was ihre Art ist. Es wird eklig, die Dummen kennen es nicht anders, die Klugen tun eine Zeitlang, als müssten sie da durch.

Aber das ist nicht wahr.

Angewidert wirft der Autor hin.

3.

Abends klingelt es. Sie ist nervös, sie ist furchtbar jung und die Narbe läuft von der rechten Schläfe mitten über die Wange und verschwindet am Hals.Sie trägt eine weiße Bluse und einen Jeansrock, der die Knie bedeckt. Die nackten Füße stecken in Sandalen, ihre Füße sind groß, später werde ich mich daran erinnern, dass mir das sofort auffiel. Am ersten Abend weiß ich das noch nicht.

Seit vielen Jahren duze ich niemanden mehr bei der ersten Begegnung und selten in einem späteren Stadium. Bei ihr stört mich diese Regel sofort. Sie hat alle Episoden gelesen und will wissen, wer das schreibt. Sie ist nicht mehr jung genug, um eine pubertäre Stalkerin zu sein. Andererseits weiß man nie. Ich sage: Kommen Sie rein, sie greift zur Seite und betritt mit der Reisetasche, die bisher unsichtbar war, die Wohnung, die bis vor einem Moment noch meine Wohnung war.

Wie es der Zufall will, ist das Zimmer nach dem Auszug meiner Tochter noch nicht umgewidmet. Zwei Regale, kleiner Tisch, sehr kleiner Nachttisch. Natürlich die Matratze auf dem Holzboden. Das reicht ihr, am meisten mag sie die Blumentöpfe auf dem Fensterbrett. Sie geht zweimal ins Badezimmer, dann ist alles verstaut und ich bin um die Pflicht herumgekommen, dem Gast seinen Platz im Badezimmer anzuweisen.

Sie sagt: „Ich bleibe auch nicht lange“ und beginnt auszupacken. Ich stehe daneben und kann beschwören, dass alles in einer Reisetasche von überschaubarer Größe lag, anderenfalls würde ich es lebhaft bestreiten. Wurst, aber vor allem Käse, ein Brot, ein richtiges Brot, kein Weißbrot, wie es die Jungen essen; kein Fladenbrot, wie es die noch Jüngeren essen. Ein Erwachsenenbrot. Eine kleine Flasche ohne Etikett mit einem roten Saft, von der ich keinen Tropfen abbekomme. Als ich am nächsten Tag an der leeren Flasche rieche, gibt mir das keinen Hinweis.

Im Badezimmer suche ich heimlich nach Verhütungsmitteln. ich habe sowas in diesem Jahrtausend nicht mehr benutzt und sie hat nichts mitgebracht.

Sie hat großen Hunger, obwohl sie es nicht zugibt und sogar abstreitet. Ich baue auf, was der Schrank hergibt. Unsortiert, aber vielfältig. Wie ein philosophischer Grundkurs.

Schon während des Essens beginnt sie zu lesen. Ich biete ihr die Papierversion an, die Lektorinnen bestehen darauf, wie sie auch auf Bleistiften bestehen, guten Bleistiften, die sie nichts kosten, weil ich sie bezahle.

So beginnt, was bis heute nicht zu Ende ist.

4.

Zuerst kommt der Blumenstrauß von einer Größe, wie ich ihn noch nie bekam. Zu diesem Zeitpunkt bin ich schon so clever, nicht an einen Irrtum zu glauben. Eine Karte gibt es nicht. Nachts beginnt es mit Mails, eine Quelle, eine zweite Quelle, beides englisch, danach sprechen wir deutsch: ein Agent, der sich reindrängeln will, bevor etwas festgeklopft werden kann, was ihn ausschließt. Die Auslandsabteilung eines Verlages, der seit 20 Jahren nicht mehr mit mir geredet hat. Dem sage ich hochzufrieden ab, aber sie lassen mich nicht vom Haken, wechseln einfach frech die Verlagsadresse, sie sind mit keiner verheiratet und Grundsätze stören nur den Betrieb. Dass ich bei einer kleinen Adresse lande, hat bestimmt einen Grund, den ich jedoch nie erfahre.

Zu diesem Zeitpunkt zeigen bei den Verkäufen alle Pfeile nach oben. Jede Woche zweitausend Verkäufe mehr, die ersten Nummern ziehen nach, holen auf.

Aber eben noch kein Superbestseller. Dennoch haben die Amerikaner Witterung aufgenommen. Übersetzung ins Englische, die ersten 52 Episoden sofort, am besten ab nächste Woche, feste Optionen auf alles danach. Netz-Rechte okay, Print angenehm. Über Filmrechte reden wir nicht. Das ist leichter als ich befürchtet habe. Zweimal den Kontakt abbrechen und wir verstehen uns.

Nach 48 Stunden ist die Nachricht in den heimischen Medien: Amerika fährt voll auf deutsche Innenstadt Stories ab. Ab jetzt wird alles leichter, abgesehen von der Schwierigkeit, Kontakte zu ignorieren, zurückzuweisen, kurz zu beantworten. Ab jetzt hört es nie mehr auf. Ich bin überzeugt: Das hältst du nicht aus, nie. Ein Vierteljahr später würde ich keine höheren Beträge wetten, diesen Gedanken jemals gedacht zu haben. Nicht unmöglich, dass ich beim Anflug auf die Ostküste zum letzten Mal daran gedacht habe.

5.

Ich brauche ein Vierteljahr, um zu begreifen, dass ich mich mit Sachverstand ausrüsten muss. Jede Unterschrift unter einen Vertrag kann mein Todesurteil sein. Jede zweite Woche bringt ein neues Spielfeld, um das ich mich kümmern muss. Das wäre schon für einen Fachmann nicht zu schaffen. Und stets geht es um Rechte. Print mit massenhaft Varianten, Film – Kino, Fernsehen, Internet und technische Medien, die ich möglicherweise in alten Buchverträgen schon gelesen, aber in Sekundenschnelle wieder vergessen habe. Und alle versichern mir, dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Es könne gar nichts passieren, wenn seriöse Partner an einem seriösen Plan arbeiten.

Die ersten Anwälte winken ab, mir könnten nur Medien- und Urheberrechtsexperten helfen. Wie es der Zufall will, kennt jeder genau einen Experten, den er mir wärmstens ans Herz legt. Nicht jeder übt den Anwaltsberuf aus. Die Universitäten sind stark vertreten, die meisten heißen Tipps sind über 60 Jahre, teils über 70. Die beiden, deren Namen nur mit zittriger Stimme ausgesprochen werden können, kommunizieren nicht über Telefon und Netz. Einen besuche ich auf seinem kleinen Weingut in Spanien, der andere entführt mich mit seiner Yacht in Kiel auf die Ostsee und lässt mich erst in Finnland wieder frei.

Der Winzer bringt Kindern aus der Umgebung die Bildung nahe, die man auf den Dörfern nicht lernt. Dass mir der Schmied des Orts nach der fürchterlichsten durchzechten Nacht meines Lebens verriet, dass sich unter den Schulkindern der Sohn seiner Enkeltochter befindet, den er ihr in einem wahnsinnigen Entführungsakt wegnahm, würde ich auch unter der Folter nicht zugeben.

6.

Die Bekanntschaft mit Heinrich zu leugen, würde mir niemand abkaufen, dafür hat Heinrich gesorgt. Er stand eines Tages vor meiner Tür – wenn ich es mir überlege, beginnen so erstaunlich viele Geschichten: Sie standen einfach vor meiner Tür und nie habe ich sie gefragt, wie sie an meine Adresse geraten sind und warum sie gerade diesen Weg wählten. Heinrich hatte sein Leben bei sich. Drei Rollkoffer, alle groß und mit Bindfaden umwickelt; keiner neu und jeder mit einer Geschichte ausgestattet, die mir Heinrich erzählte. Aber erst, als ich den Wutausbruch kriegte, weil er ein sagenhaftes Talent besaß, die Scheißdinger so zu platzieren, dass man über sie stolpern musste.

Wenn ich mich nicht irre, sitzt er in diesem Moment in seiner Butze und schreibt die Geschichte der drei Koffer auf. Ich habe ihm verboten, 700 Seiten zu überschreiten. Das war unser Kompromiss, er stieg mit zehntausend Seiten in das Feilschen ein. An zehntausend war er gewohnt. Was er mir mitgebracht hatte aus seiner Hütte an der Peene weit im Osten, war das Ergebnis von 40 Jahren Schreiben. Zehntausend Seiten über den Streit mit einem Nachbarn über den angemessenen Umgang mit Ottern; und um sich zu beruhigen, danach noch einmal zehntausend Seiten über das Angeln. Ohne Handlung, nur angeln. Ich habe mehrere Wochen damit zugebracht, Heinrich auf die Schliche zu kommen, denn ich hielt es für möglich, dass er nur zweitausend Seiten geschrieben hatte und diese Seiten dann viermal hinten rangeklebt hatte. Heinrich hat nie verstanden, wie ein Mensch auf diesen Gedanken kommen kann. Heinrich hat in seinem Leben überhaupt nicht viel verstanden. Zum Beispiel weiß er bis heute nicht, wie man es anstellt, Geld zu verdienen. Das wollte er auch von mir nicht lernen, er war nur gekommen, um mir dafür zu danken, dass ich soviel geschrieben habe wie er. „Ich habe immer gedacht, ich bin verrückt, weil ich es machen musste und nicht aufhören konnte. Aber Sie haben mir gezeigt, dass es das nicht ist.“

„Aber Heinrich, genau das ist es! Wir sind verrückt. Du noch mehr als ich.“

Er lachte mich an, für Erkenntnisse war er nicht zu erreichen. Aber nun wusste er, dass auf der großen Erde noch andere Wesen wie er leben: die schreiben müssen, weil sie schreiben müssen. Einen zweiten Grund gibt es nicht, abgesehen davon, dass wir nichts anderes können. Aber wir wissen alle, dass es für solche Zeitgenossen doch noch einige Berufsfelder gibt, auf denen sie sich breit machen können.

Ach ja, was Heinrich schrieb: Ich habe in meinem Leben nichts Langweiligeres gelesen. Aber ich habe ihn im Sommer an der Peene besucht und darf das auch im nächsten Jahr wieder tun. Die Geschichte mit dem handzahmen Otter soll ich für mich behalten. Falls jemand unter den werten Lesern Fragen hat, die sich um Angeln drehen, bin ich gern bereit, sie an Heinrich weiterzuleiten. Mit einer Antwort sollte man nicht rechnen, denn Heinrich redet ja nicht gern, er schreibt alles auf, selbst seine Einkaufszettel können 200 Seiten umfassen. Und das sind die kleinen Einkäufe.

7.

In jedem schlechten Film, in dem der Held zu viel Geld kommt, darf die Szene nicht fehlen, in der der Steuerberater ihn auffordert, es richtig knallen zu lassen: Gönn dir was, mach Ausgaben. Wann, wenn nicht jetzt? Du lebst nur einmal. Diese Richtung.

Die komplette obere Etage in einem Bürobau im Hamburger Stadtteil Hamm-Süd, 260 Quadratmeter. 200 Büro, 15 Bett, 15 Bad, 30 Küche. Mehr braucht kein Mensch. Höchstens die darunter liegende Etage für die Tochter und was sie einschleppt sowie für Besucher. Keiner will mehr ins Hotel, alle wollen in meiner Nähe sein, als wäre die Luft dort sauberer. Zwei Schreibcontainer für diejenigen Zeitgenossen, die mich am hinreißendsten anbetteln. Es müssen nicht unbedingt Frauen sein, aber es schadet nicht, wenn sie es sind. Zur Zeit schreiben zwei Pfeifen bei mir ein Duell: ein komplett durchgebackenes akademisches Arschloch, das uns den Faschismus nahebringt und danach abends einen wahnsinnigen Pizzateig zusammenrührt, den ich gern an Bettler verfüttere; und eine Frau, die nach einer komplizierten Geburt knapp überlebte, nie mehr auf den Damm kam und sich jetzt einbildet, sie sei Frau Gott. Ihre besondere Fürsorge gilt dem Fascho im Container nebenan. Noch zwei Wochen, dann springt er in den Kanal. Ich helfe gern.

Eine überschaubare Wohnung auf Hiddensee, sehr ordentliche Wohnlage im Nobelort Kloster und ein aufgegebenes Kinderheim im östlichen Teil vom Harz, um das sich Leute aus dem sozialen Bereich kümmern, die keinen Spaß verstehen. Wenn ich nicht jeden Monat zu einer Lesung anreise, wollen sie nach Hamburg kommen und mit mir das Gespräch suchen. Ich befürchte, dass sie es auch finden werden, aber ich werde es nicht zum äußersten kommen lassen. Für mich halten sie auf dem Gelände eine Kemenate offen, in der ich schlafe und die ich nicht einmal als Leiche betreten möchte.

Im Ausland habe ich keinen Immobilienbesitz erworben, ich steige spontan in kleinen Hotels und Anwesen ab, in denen sich Zeitgenossen freuen, mich begrüßen zu dürfen, die mich vor zwei Jahren angespuckt hätten.

Ich besitze vier Autos: einen Opel Admiral, den ich einem legendären Komponisten abkaufen wollte, was mir jedoch nicht gelang, weil er darauf bestand, ihn mir zu schenken. Vom Cruisen bei jedem Wetter sind alle seine Gelenke im linken Arm und in der Schulter entzündet. Was nicht bedeutet, dass er nicht mehr fährt. Der Wagen – halb so alt wie der fast neunzigjährige Veteran – ist nur kleiner geworden und besitzt Rechtslenkung.

Dazu ein Pick-up. Nicht, dass ich ihn brauche, aber ich habe das Prinzip immer gemocht. Irgendwas findet sich immer, das man hinten raufstellt, zur Not lade ich Wartende an Haltestellen ein. Einmal erwischte ich einen kürzlich pensionierten Cop, der seitdem sehr schlecht schläft, erst recht, weil er Stammkunde geworden ist und ein Gefühl von Freiheit erlebt, mit dem er nicht mehr gerechnet hat.

Dazu einen Alfa aus einer kleinen Baureihe, in dem man sich nicht sehen lassen darf, weil jeder spontan annimmt, man könne ihn sich womöglich leisten. Die Baureihe ist wirklich klein. Sehr, sehr klein.

Für meine beiden Büroetagen steht ein Mini Cooper zur Verfügung, er ist beim Ausladen vom Haken gefallen und war glücklich, dass ihn jemand bei sich aufgenommen hat.

Das sehr rote Beetle Cabrio für die Tochter geht aufs Haus.

Da ich seit einem Jahr glücklicher Besitzer eines Führerscheins bin, macht alles sogar Sinn.

Ich habe versucht, mich edel einzurichten, aber mir fehlt dafür das Gen. Zum Ausgleich habe ich die Einrichtungen für Zeitgenossen ausgesucht, die nicht immer amüsiert waren, aber abgelehnt hat auch niemand. Haben Sie jemals einen orthodoxen Muslim dabei beobachtet, wie er zum ersten Mal Netflix nutzt? Kann ich empfehlen. Das beste war die Stelle, wo seine Tochter ihm erklärte, wie er Al Jazeera auf Kanal 1 legen kann. Aber vielleicht verwechsle ich das jetzt mit dem Sendersuchlauf in der Wohnung, die auf meinem Weg lag und mich förmlich anbettelte, mit den richtigen Mietern gefüllt zu werden. Es gibt eine sehr ehrgeizige Maklerin, die mich auf Kurzwahl hat. Ich habe ihr das mehrfach untersagt, bis sie mir zeigte, wer die Kurzwahl neben mir hat. Sie ist noch jung, aber sie kennt den Menschen und seine Eitelkeiten schon sehr gut.

Das Gen für Unterhaltungselektronik fehlt mir ebenso. Die Vinylanlage habe ich an einem einzigen Nachmittag zusammengestellt. Es ist zu wenig bekannt, wie oft sich Rockmusiker, wenn sie in die Jahre kommen oder die dritte Leber brauchen, zu Hause verkleinern. Darauf warten die Frauen von alten Rockmusikern mit Engelsgeduld: dass die verhornten und verwarzten Recken zu schwach werden, um sich zu wehren. Dann findet im Wohnzimmer der Zeitenwechsel statt, der in den Kleiderschränken schon vor 15 Jahren über die Bühne ging.

Telefon? Geh mir weg. Gut, Lilis pinkfarbiges Samsung, das sie mir anlässlich ihrer Eröffnung der iPhone-Ära geschenkweise überließ, kam in die Jahre. Aber es muss wirklich nicht Apple sein und ich weiß gar nicht, auf welch geheimen Wegen sich die Produkte immer wieder in meine Räume einschleichen. Sie paaren sich dort auch und morgens gibt es ein Gerät von ihrem Stamm mehr.

 

Ich habe wieder eine Krankenversicherung. Nicht, weil ich sie bräuchte, ab einem gewissen Kontostand musst du dich nicht mehr mit so etwas herumplagen. Aber ich konnte einem Jungspund von Vertreter helfen, der mich im Glauben ließ, ich müsse seiner kleinen Familie den Neustart erleichtern. Als sie ihn hopsnahmen, galt er als Kokskönig von Hamm und Horn. Im Knast soll er auf Zigaretten umgestiegen sein, die durch eine Backmischung aus der Knastküche die Schädeldecke anheben.

Meine Klamotten sind besser geworden und die Schuhe: a la bonheur. Ich besitze eine eigene Schublade für Strümpfe, für neue Strümpfe, vorher hatte ich jahrelang nur die Schublade für die Strümpfe mit gerade noch beherrschbaren Löchern.

Natürlich kriegen Sie bei mir Kaffee vom feinsten, auch wenn ich nicht so dumm-neureich bin, Manufakturen automatisch für die besseren Läden zu halten. Aber es isst sich netter, wenn man die Zahl der Besuche beim Discounter zurückfahren kann.

Den größten Wandel zum Guten verzeichne ich allerdings in der Organisation meiner Arbeit. Darf ich Ihnen Anita vorstellen, russisch bis auf die Knochen, zuverlässig wie eine Maschine, robust und rücksichtslos? In meinen Etagen hat ihr nur in den allerersten Tagen jemand widersprochen oder er kam Anita mit dem Vorschlag, wie sich ein Detail ihrer Arbeit womöglich einen Hauch effizienter erledigen ließ. Das kommt nicht mehr vor, es ist mir nie gelungen, herauszufinden, wie der zwischenmenschliche Kontakt im einzelnen abgelaufen sein mag. Man kann nicht alles haben.

Anita putzt, kocht und kauft ein. Jedenfalls am Anfang, jetzt beschäftigt sie dafür Anton, fast so russisch, er fährt einen Lada Jeep, in dem angeblich die Jagdbeute des historischen Politbüros aus dem Wald ins Kühlhaus geschafft worden ist. Vom Geruch im Wagen würde ich sagen: Es ist möglich. Anton kauft ein, alles, was in einen Jeep passt und manchmal noch mehr. Er beklagt sich, weil er angeblich schikanös oft bei Kontrollen rausgewinkt wird. Meistens türmt dann ein Beifahrer von Anton, über den er sich nicht näher einlassen will.

Anita organisiert die Handwerker und sämtliche Reparaturen. Sollte ich jemals eine Erektionsstörung verspüren, wird sie die ohne Zweifel in bewährter Manier geradebiegen. Ich habe sie im Verdacht, dass sie bei mir die Bertha aus Two and a Half Men nachspielt – auf einer zehnmal so großen Grundfläche. Sie spricht ordentlich deutsch, was sie nicht verstehen will, versteht sie nicht. Sie liest russische Autoren im Original, die ich im Lexikon nachschlagen muss und ich bin nicht ganz unbeleckt in dieser Richtung. Sie liest auch meine Texte, am liebsten die, die erst 24 Stunden auf der Welt sind. Es ist nicht so, dass ich meine Textmaschinen einschließe, aber es ist auch nicht kinderleicht, sie hochzufahren. Selbst als ich kleine Schikanen einbaute, teilweise mit persönlichen moralischen Notizen für Anita, brachte sie das nicht ins Schleudern.

Natürlich ist ihre Familie so groß wie ein deutsches Dorf und die meisten sind auf Unterstützung angewiesen. Sachspenden sind geflossen und fließen, ich kaufe grundsätzlich nur noch Geräte mit russischer Gebrauchsanweisung. Logiergäste kamen noch nicht vor.

Anita ist natürlich jünger als ich und begegnet mir mit mütterlichen Gefühlen. Sie hat eine dezidierte Meinung zu weiblichen Logiergästen, die sie nicht in beruflichen Zusammenhängen unterbringen kann. Natürlich schwindle ich, was das Zeug hält und bin gut darin. Aber ich kam mehrfach dazu, als sich Anita gerade einen weiblichen Logiergast zur Brust nahm. Stets ging es dabei um zwei Themen: Besitz und Anwendung von Verhütungsmitteln sowie das strikte Verbot, mir weh zu tun, weil ich ein Künstler sei und unter keinen Umständen in eine künstlerische Krise hineingetrieben werden dürfe.

 

Mehr hat sich in meinem Leben nicht geändert. Ich stehe immer noch früh auf und kann immer noch nicht mehr als 20 Minuten am Stück an der Maschine sitzen. Ich habe es mit Diktieren versucht und denke mit Wehmut, aber auch mit Entsetzen an Erika. Sie sah aus, als sei sie 1 zu 1 aus deutschen Filmkomödien der sechziger Jahre herausoperiert worden. Sie trug an jedem Tag das denkbar Dümmste, was eine Frau ihrem Körper antun kann, aber nie gelang es ihr, einen Basisvorrat an atemberaubender erotischer Naivität zu verhängen.

Alles an Erika schrie: Nimm mich. So nahm ich sie, weil ich kein Unmensch bin und das Schicksal nahm auch etwas: nämlich seinen Lauf. Aus Gründen, die sie mir nie erklärte, dachte sie wohl, künftig würde das Diktieren in ganz oder weitgehend unbekleidetem Zustand durchgeführt werden. Woran ich keine Sekunde gedacht hatte und was sich an dem Tag erledigt hatte, an dem Lili unangemeldet hereinschneite, um meinen Supertrouperallesdrucker für ihre studentischen Zwecke zu benutzen. Es gelang mir, Erika in letzter Zehntelsekunde einen alten Pullover überzuwerfen. Leider hatte mich Lili darin ein Jahrzehnt lang gesehen und Erikas knallrote Rübe schoss meine listige Lügenführung umgehend ins Reich der Phantasie.

Lili sagte nur: „Aber Papi.“ Das Ergebnis war ein Raum mit drei Menschen und zwei roten Rüben.

Als Erika eines Tages in vorzeigbaren Klamotten erschien, war mein erster schockartiger Gedanke: ein Trauerfall in ihrer Familie. Aber so war es nicht. Jemand war mit ihr einkaufen gegangen, nicht für eine Beisetzung, sondern fürs Leben. Natürlich kamen wir nicht sofort voneinander los, das kann nicht klappen, wenn jemand auf den anderen so eine verheerende Wirkung ausübt. Und jedesmal der Augenaufschlag. Die Frau als Welpe, während sie bereit ist, so gar nichts Welpenartiges mit dir zu machen bzw. mit sich machen zu lassen. Am Ende läuft es auf das gleiche hinaus. Am Ende trennte ich mich aus einem einzigen Grund von Erika: Ich hatte Angst, dass Anita uns auf die Schliche kommen würde. Mir war klar, dass es Tote geben würde. Erika ist aber noch zu jung zum Sterben.

8.

Eine bekannte Adresse der Hamburger Innenstadt stellt Kontakt her und kommt nach zwei Minuten Lob für mein Projekt zum Thema. Man lädt mich ein, das bekannte Unternehmen zu besichtigen und kündigt mir im Beisein von Medienvertretern an, für die Dauer des Projekts einen Rabatt von 50 Prozent auf alles einzuräumen. Man erwartet dafür nichts außer meinem Okay, Fotos schießen und verbreiten zu dürfen. Ich sage zu, weil ich zu diesem Zeitpunkt glaube, dass sich alles in vertretbarem Rahmen halten wird.

Was es nicht tut.

Man nötigt mich, Einkäufe zu tätigen, fragt telefonisch meine Zufriedenheit mit den Produkten ab, stellt Artikel ins Netz, deren Hauptdarsteller ich bin. Ich blicke mir aus den Schaufenstern entgegen, ich werde auf der Straße von Passanten angesprochen. Eingeschnappte Geschäftsleute beschweren sich, ich will die Wogen glätten, was nicht gelingt.

Um den schädlichen Exklusivcharakter aufzuweichen, lasse ich mich mit einer zweiten Adresse ein und springe vom Koofmich in einem Satz zu Jedermanns Liebling. Die Medien äußern sich verständnisvoll: Er sahnt eben ab, so lange er im Gespräch ist.

Nun äußern sich hundert andere Adressen: Vereine, Organisationen, die erste politische Partei, ein Kreuzfahrtunternehmen. Ich soll dort einkaufen, ich bekomme Rabatte, aber vor allem muss ich mich fotografieren lassen. Und nie ist nur eine einzige Kamera anwesend.

Der Tourismus fragt an, sie wollen mein Gesicht als kulturelle Variante von Antje dem Walross. Ich soll Vorträge halten, vor den alten Kaufmannsklubs, internationalen Verbänden. Schlagartig findet in der Stadt kein Kongress mehr statt, der ohne meinen Auftritt auskommt. Ich lehne ab, man gibt sich mit kurzen Grußworten zufrieden.

Ich lasse mich hinreißen und halte eine vor Spott triefende Ansprache, der Saal rast vor Begeisterung. Ich schaffe es einfach nicht, sie zu ernüchtern. Ich sage für eine Lesung zu: tausend Leute im CCH, so viele Zuhörer wie noch nie. Und sie sind schon euphorisch, bevor ich den ersten Satz sage. Ich bin gut auf Lesungen, ich komme rüber, das ist immer so gewesen, ich kann mich nicht dümmer stellen als ich bin. Und natürlich sitzt jedesmal jemand drin, den ich unmöglich enttäuschen kann. Lili besucht die erste Lesung ihres Vaters, ich muss das einfach erwähnen und denke, damit ist es gut. Aber die Scheinwerfer fangen sie ein, sie muss aufstehen und sich verbeugen und aus dem Nichts erwächst der Ruf: auf die Bühne!

Wir stehen uns gegenüber, ich spüre, dass sie sich fürchtet, wir umarmen uns, das Bild geht um die Welt, ab dem nächsten Tag gelten wir als Vater und Tochter, die seit zehn Jahren kein Wort miteinander gewechselt haben. Dabei ist ihr Bett in meiner Wohnung gerade erst kalt geworden. Und dann das größte denkbare Unglück: Lili soll lesen! Wenn das jemand verlangt: Bürste ihn ab; wenn es zehn tun, stell sie in die Ecke! Einem vollen Saal kann man nichts abschlagen.

Lili liest, ich sitze neben ihr. Als ich merke, wie die Tränen der Rührung aufsteigen, setze ich mich nach unten. Ich darf nicht heulen, ich darf auf keinen Fall heulen, ich weiß, dass mich diese Bilder bis zum Jüngsten Tag einholen werden. Sie liest wie ich lese: unterkühlt und deutlich. Nicht nervös, nicht zu schnell. Wenn sie sich verspricht, was selten passiert, fängt sie das lächelnd auf, der Saal summt vor Behagen. Woher hat das Kind diese Souveränität!

Der Beifall ist nicht von dieser Welt.

Ich muss auf die Bühne, wir müssen uns verbeugen.

Und als ich denke, ich bin vom Haken, fangen sie an, Lili auszufragen: 20 Jahre mit einem berühmten Vater, wie ist das so? Keine Frage an mich, alles an sie. Ich muss sie retten, aber sie sieht gar nicht aus, als wolle sie gerettet werden.

Hinterher reden wir darüber, zum ersten Mal fasse ich meine Gefühle in vollständige Sätze. Nie hat sie etwas von mir gelesen! Als sie klein war, stand sie mit ihrer Latzhosenhorde neben mir, aber nur, um damit anzugeben, wie rasend schnell ich tippen kann.

Es dauert lange, bis der Tochter-Vater-Hype abebbt, ohne jemals völlig zu versanden.

Es kommen Anfragen für Lesungen: ich allein, wie sich das gehört. Aber bald die erste Tochter-Vater-Lesung. Ich werde energisch, aber den Deckel kriege ich nie wieder auf den Topf. Dann passiert ganz schlechtes Drehbuch: Vater hat nach vier Lesungen am Stück keine Stimme mehr, Hannover bebt vor Schreck, ich krächze: Fahr schon. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Bis zur letzten Minute bietet sie mir an, mitzukommen. Aber ich will nicht im Rollstuhl auf die Bühne, ein langer Abend mit Dauerlächeln: Das halte ich nicht aus.

An diesem Abend beginnt Lilis Karriere. Aus großer Ausnahme wird kleine Ausnahme wird Normalität. Das Schlimmste ist: Mir passt das in den Kram, ich brauche jeden Tag, um in Ruhe neuen Text zu produzieren.

Lili hat meinen Schlüssel, ich habe ihren nicht. Also muss ich warten, bis sich bei mir die Gelegenheit ergibt. Ich will wissen, wer ihr schreibt. Antwortet sie? Findet sie die richtigen Worte? Vor allem findet sie die richtigen Sätze. Lili schreibt an meinem Projekt weiter. Ich bin so sauer, dass ich erst nach zwei Tagen realisiere: Sie imitiert mich nicht, gibt sich nicht für mich aus. Sie schreibt über die Innenstadt, aber aus der Perspektive einer sehr jungen Frau. Sie nimmt mir nichts weg, sie fügt hinzu. Vor allem verschweigt sie es mir. Keine Frage nach handwerklichen Grundlagen, alles frei nach Schnauze. Hingerissen schmelze ich vor dem Bildschirm dahin. Dass ich eine Kopie ziehe, geschieht zu ihrer eigenen Sicherheit. Ich will vermeiden, dass sie eine große Enttäuschung erlebt. und ich warte darauf, dass sie endlich gesteht. Die Uhr tickt…

9.

Der Autor hat keinen Blinddarm mehr und keine Mandeln. Sonst ist alles an Ort und Stelle, nie einen Knochen gebrochen, nie eine akute Erkrankung, kein Unfall, nichts Chronisches. Kerngesund für einen Sechziger. Um ihn herum fällt ein Kollege nach dem anderen um, sie schwächeln, sie leiden, sie haben das, was man kriegen kann. Man darf sich nicht beklagen, man muss froh sein, wenn man verschont bleibt. Und an Schluckbeschwerden ist noch niemand gestorben.

Aber Schluckbeschwerden gehen vorüber, nicht nach zwei Tagen, nicht nach einer Woche. Die Mediziner sind sich da einig, aber es ist eine einseitige Kommunikation, wenn man alles nur aus zweiter und dritter Hand erfährt.

Bis man sich an einem lächerlichen Stück Croissant verschluckt und fast daran erstickt. Nun schaut man in der Praxis vorbei, ganz unverbindlich, als man endlich dran ist, ist man praktisch wieder gesund. Wenn man den praktischen Arzt überspringt, sind die Informationen gleich viel handfester. Man könnte sie sogar ernstnehmen.

So beginnt es und hört nie wieder auf. Eine seltene Krankheit im Großraum Speise- und Luftröhre richtet sich häuslich ein, es gefällt ihr hier so gut, dass sie gar nicht wieder weg will. Sie sitzt alles aus: Medikamente, sanfte Schnitte, radikalere Schnitte. Sie füllt den Autor mit Schwäche an. Er, der sich gerade unter Schmerzen daran gewöhnt hat, eine öffentliche Person zu sein, zieht sich nun schon wieder aus der Öffentlichkeit zurück. Das wirft Fragen auf, die er nicht beantworten kann, jedenfalls nicht persönlich. Schriftlich klappt es noch. Aber die Öffentlichkeit ist verwöhnt, er selbst hat dafür gesorgt. Einen immer größeren Teil seiner Zeit und seiner Kraft muss er dafür aufwenden, seine neue Rolle überzeugend zu spielen. Von Krankheit ist nicht die Rede. Er weiß, wie das läuft: Gib ihnen einen Zipfel der Wahrheit, sie werden sich verbeißen und nie mehr loslassen.

Er braucht jetzt Zeit, um zu schreiben. Aber er ist nicht mehr so produktiv. Ihm fällt genauso viel ein wie früher, aber er schreibt nicht mehr so schnell und nicht mehr so lange. Erst muss er sich anstrengen, bald muss er kämpfen. Er verlässt die Stadt, aber sie forschen nach ihm, das erträgt er nicht. Er braucht Helfer, die für ihn lügen. Auf seine alten Tage besitzt er einen Pressereferenten, ein sagenhafter Idiot, den er gegen einen älteren Profi auswechselt. Dessen Charisma verhindert die unverschämtesten Fragen, aber er entwickelt überraschend väterliche Gefühle, trennt Job und Privatleben nicht mehr. Und tschüs.

Dritter Versuch: die abgefuckte Profifrau, die alles vertritt, was man ihr aufträgt: alle Farben, von links bis rechts, von bizarr bis widerlich. Gib ihr einen Auftrag, sie wird ihn ausführen. Sie ist seine Traumfrau. Grundsätze? Wer wird denn gleich zum Äußersten greifen. Sie dampft den Kreis der Medien, denen sie überhaupt noch Fragen beantwortet, auf eine Handvoll ein. Nun hassen ihn alle – bis auf die Handvoll. Aber alle finden ihn auch schrecklich interessant. Eine Zeitlang findet er das spaßig und läuft mit kalkulierten Lügengeschichten noch einmal zu großer Form auf. Aber er wird schwächer, immer schwächer… Und hat am Ende seines Schreibens noch einmal ein neues Thema gefunden.

10.

Seitdem der Erfolg da ist, rieseln Marketingprojekte ins Haus wie Schuppen auf die Schultern. Er boxt alles weg, sieht nicht den Unterschied zwischen Millionär und Multimillionär. Dass er dann doch noch reagiert, ist eine Art Zufall. Der Vorschlag ist einerseits einfallslos, weil nicht neu. Andererseits von mattglänzendem Größenwahn, weil für seine Branche noch nie ausprobiert. Wo gibt es schon Geschäfte mit Künstlerdevotionalien? Im Museum, im Geburtshaus des Künstlers, maximal in seiner Geburtsstadt, aber das schon selten.

Jetzt wird alles auf die Spitze getrieben: ein kleiner Laden, in dem sich alles um den Autor von INNENSTADT STORIES und sein Projekt dreht und um sonst gar nichts. Pro Stadt maximal ein Laden, in der Innenstadt oder nirgends. Das Angebot zwischen touristischem Souvenirladen, katholischem Devotionalienshop und Buchhandlung. Angeboten wird, was im engen und weiten und weitesten Sinn mit Autor und Thema in Zusammenhang steht. Keine Hemmungen, auch keine Scham, dafür schwarzer Humor und die ultimative Parodie auf den Künstlerkult.

 

Das langweiligste sind die Romane. Was nicht lieferbar ist, wird lieferbar gemacht. Ebenso wird mit der Abteilung ebook verfahren.

Aber dann: Klamotten aus allen Lebensaltern, historisch beglaubigt durch Fotografien. Hergestellt im Auftrag von zwei kleinen Betrieben in der Pampa. Das betrifft Hemden, Shirts, Hosen, auch Schuhe vom Sportschuh bis zum Wanderschuh und allem dazwischen. Accessoires wie Gürtel, Tücher, Armband, Schweißband.

Perlen im Angebot: originale, also teilweise sehr alte Kleidungsstücke, persönlich getragen, handschriftlich beglaubigt. Zwischen alt und neu: Fabrikneue Klamotten, die der Autor eine Woche trug, was Fotodokumente belegen. Was er an den jeweiligen Tagen trägt, erfährt man über eine spezielle Homepage. Den Vorschlag mit der nonstop laufenden Kamera lacht er weg.

Abteilung Nahrungsmnittel und Getränke: Alles, was der Autor seit der Kindheit mit mehr Herzblut als banalem Hunger verzehrte, ist lieferbar: originale Marken bzw. so original wie möglich. Selbst Gebackenes nach den recherchierten Originalrezepten: Blechkuchen, Obstkuchen, Torten, Jahreszeitliches wie Stollen, Kekse.

Ebenso Getränke, ebenso Alkoholika. Jeweils so dicht wie möglich am Original.

Zigaretten: Reyno Menthol. Eine zweite Zigarettensorte hat der Autor nie geraucht. Die kurze Zigarillophase der ersten Studiensemester konnte nicht eingegrenzt werden, ebenso das in dieser Phase konsumierte Bier. Angeblich soll es sich um Schmuggelware aus der damaligen DDR gehandelt haben.

Abteilung Einrichtung: Möbelstücke aus Jugendzeit, Studienjahren, allen Wohnungen. Fotografische Belege wurden, wo nötig, von Mitbewohnern besorgt oder nach Beschreibungen in der Möbeltischlerei hergestellt.

Kuriosa: Sämtliche auffindbaren Fotografien, vom Schnappschuss bis zum Plakat. Wo die abgebildeten weiblichen Motive nicht in Erfahrung gebracht werden konnten, werden sie gebeten, sich bei den Ladenbetreibern zu melden.

Deko oder Dekoähnliches, Gebrauchsgegenstände für den Haushalt, Flaschenkorken, leere Feuerzeuge, Kerzen und Kerzenstummel präsentieren wir ohne Preisangabe. Gebote werden entgegengenommen.

Künstlerische Unikate: Schülerzeitungen, Jugendzeitungen (nur sehr wenige Exemplare) , Manuskriptseiten im Original, Karteikarten, Notizzettel

Unterhaltungselektronik und Musik: Vinyl-LPs, alle bespielt, die meisten in ordentlichem Zustand.

Die ersten fünf Roxy Music-Alben werden nur im Fünferpack abgegeben. Verhandlungen zwecklos.

Novitäten: Im Zuge von Recherchen stellen wir Kontakt zu Mitbewohnern, Freunden, Bekannten, Nachbarn, Kollegen, Finanzbeamten und allen Menschen her, die dem Autor jemals begegnet sind. Ihre Erinnerungen werden schriftlich, als Hörbuch und ebook festgehalten und je nach Fertigstellung ins Sortiment übernommen.

 

Sonder-DeLuxe-Edition: DIE FRAUEN verzögert sich wegen rechtlicher und geschmacklicher Auseinandersetzungen. Die in einigen Vorschauen angekündigte Komplett-Edition ALLE FRAUEN AUF EINEN SCHLAG wird zurückgezogen und ersetzt durch die drei Reihen DIE HAUPTFRAUEN, DIE NEBENFRAUEN A – K und L – Z sowie WAS SONST NOCH LIEF mit dem Special WIRD NICHT WIEDER VORKOMMEN. Einzeln und im Schuber erhältlich.

Eine vierte Reihe KAUM GLAUBLICH befindet sich im Aufbau, wird hauptsächlich durch den Autor verzögert, der viele Einzelheiten einfach nicht wahrhaben will, obwohl unerhört detaillierte schriftliche Erinnerungen der Partnerinnen und auch bisher unbekanntes optisches Material vorliegen.

Jeden Monat kommen aktuelle Stories in die Läden, sie entstehen parallel zu den wöchentlichen INNENSTADT-ebooks, an deren Rhythmus sich nichts ändert. Die neuen Stories werden in großer Auflage ausgeliefert, aber nur in einer einzigen. Reservierungen leider nicht möglich.

 

Innerhalb von 14 Tagen entsteht ein Markt für Versteigerungen.