So sieht die Innenstadt aus

••• Frühjahr 2016: Start des größten und ehrgeizigsten deutschen Literaturprojekts der letzten Jahrzehnte. Ohne Verlagsadresse im Hintergrund, ohne einen Dollar Unterstützung von Förderern, garantiert mit 100 Prozent Original-Selbstausbeutung.
••• INNENSTADT STORIES. Großstadtsaga, der Netzroman. Nur als ebook erhältlich, nicht in Print.

••• Jede Woche eine Fortsetzung. Die ersten 52 Fortsetzungen gleich 52 Wochen erhalten in diesen Tagen den letzten Schliff. Die Lektorin hat ihre Ernährung auf Marabou-Schokolade und spanischen Rotwein umgestellt und damit ihren Output optimiert.
••• Danach folgen ohne Pause weitere 26 Fortsetzungen. Auch diese Texte sind bereits geschrieben.
••• Danach folgen ohne Pause weitere 26 Fortsetzungen. Die letzten Texte entstehen in diesen Wochen.
••• Danach geht es weiter – wenn wir bis dahin nicht grandios abgeschmiert und verschuldet sind.
••• Jedes ebook besitzt einen Umfang zwischen 130.000 und 150.000 Zeichen, das sind etwa 23.000 Worte gleich circa 75 Seiten Text.
••• Preis eines ebooks: 99 Cent.
••• Jedes Schnapszahl-ebook (11, 22, 33 – Sie erkennen das Muster?) ist ein Greatest Hits der zehn zuvor erschienenen ebooks.
Die Einnahmen der Schnapszahlbände gehen an soziale Organisationen, die finanziell auf dem letzten Loch pfeifen.
••• Eine fortlaufende Handlung im traditionellen Sinn existiert in INNENSTADT STORIES nicht. Die Saga arbeitet mit unterschiedlichen Helden und unterschiedlichen Stories von sehr unterschiedlichen Umfängen.
••• Klassische Romane
••• Kurzromane
••• Lange Stories
••• Kurze Stories
••• Sehr kurze Stories
••• Szenen in purer Dialogform

SCHNÜSCH. Sie sind wieder da

„Hibbel, sie sind schon wieder da.“

„Da du und ich auch schon da sind, sind wir ja vollständig.“
„Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken.“
„Woher die Verzagtheit auf den billigen Plätzen? Bisher war doch die einzige Vision, die dich umtreibt, der plötzliche totale Zerfall von Hopfen, Malz und Hefe in ihre atomaren Bestandteile, so dass nichts mehr übrigbleibt, aus dem sich Flieger bauen lassen. Kleine und große.“
„Nicht bauen, brauen.“
„Der Unterschied wird sich dann erledigt haben.“
„Sie warten darauf, dass es losgeht.“
„Ist das nicht schön: wenn es etwas gibt, auf das man sich freut? War das bei dir und Martha nicht ebenfalls so?“
„Darauf habe ich mich nicht allein gefreut.“
„Ich weiß, Martha auch.“
„Wieso Martha?“
„Enschuldige. Fahre fort.“
„Ich bin heute fast nicht mehr zu meinem Arbeitsplatz durchgekommen.“
„Wollten die jungen Lumpen für einen gebrechlichen alten Mann nicht Platz machen?“
„Ich höre ja wohl nicht richtig.“
„Ich weiß auch nicht, was heute mit mir los ist. Ich bin ein richtiger Bruder Leichtfuß.“
„Gewöhn dir das gar nicht erst an. Der Wirt muss mehr Ähnlichkeit mit dem Bundespräsidenten haben als mit dem Leichtfuß.“
„Na, der wird sich bedanken.“
„Außerdem weiß ich, was das ist: Du witterst die künftigen Kunden. Du wirst rollig, du denkst nur noch an das eine.“
„Geld?“
„Was sonst?“
„Dann kann ich ja froh sein, dass ich dich habe.“
„Ich verstehe nicht.“
„Du bist mein Bollwerk.“
„Verstehe ich immer noch nicht.“
„Das Bollwerk! Zwischen der Anarchie und der Kultur. Zwischen der Gemütlichkeit und den wirtschaftlichen Zwängen.“
„Ah! Kultur! Jetzt verstehe ich. Wir reden vom kleinen Flieger. Warum redest du so verquast? Warum sagst du nicht einfach: Wohlsein? Und gut ist.“
„Wohlsein.“
„Das geht noch besser.“
„Wohlsein! Mein letztes Angebot.“
„Öl ist staubig gegen dieses Gesöff.“
„Und das willst du denen draußen vor der Tür vorenthalten?“
„Wenn ich die Wahl habe, einen Flieger selbst zu trinken oder zuzusehen, wie ihn ein anderer trinkt, wie werde ich mich wohl entscheiden?„
„Du treibst die Kunstform der rhetorischen Frage in noch nie erreichte Dimensionen.“
„Du tust so, als ob da draußen Gäste stehen. Durstig oder hungrig. Na sagen wir durstig. Du tust so, als würden da Menschen warten. Und auf was warten sie?“
„Ich wiederhole mich gern: Sie warten darauf, dass es endlich losgeht.“
„Mir wäre einfach wohler, wenn sie woanders warten würden.“
„Was schlägst du vor?“
„Weiß auch nicht. Der Wartesaal im Bahnhof vielleicht.“
„Es gibt keinen Wartesaal mehr.“
„Es gibt keinen Wartesaal mehr? Ja, wo warten die vielen Leute denn dann heutzutage?“
„Warten ist eine Tätigkeit, die du prinzipiell überall ausüben kannst. Du zweifelst?“
„Ich kann auf dem Klo warten. Und in der Schlange im Lottoladen. Aber doch nicht überall.“
„Wartest du nicht seit Jahren geduldig auf den kleinen Flieger?“
„Ja, aber doch nur, weil ich genau weiß, was mich erwartet. Und weil ich weiß, dass man auf einen guten Flieger eben warten muss. Der setzt nicht nach zwei Minuten zur Landung an. Dann könntest du ja genauso gut aus der Flasche trinken.“
„Und das wollen wir ja nicht.“
„Mach meine Wangen nicht schreckensblass. Der Tag, an dem ich aus der Flasche trinke, ist der Tag vor meiner Beerdigung.“
„Wie gut, dass du auch in zugespitzten Momenten mannhaft der Versuchung widerstehst, jetzt zu übertreiben.“
„Danke für das Lob, es hätte keinen Geeigneteren treffen können.“
„Was hast du gegen die Wartenden? Warum starrst du sie an, als wären sie deine Feinde? Gönnst du ihnen das Warten etwa?“
„Jawohl, das mache ich. Oder sollte ich es nicht machen? Ich sollte es nicht machen. Was meinst du?“
„Ich gebe zu, ich hatte meine Zweifel, als ich zum ersten Mal davon hörte.“
„Zweifel ist gut! Idiotisch fand ich das. Da stolpert plötzlich ohne Vorwarnung so ein Dichter in unsere unschuldige lauschige kleine Innenstadt und verkündet uns eine goldene Zukunft.“
„Du übertreibst.“
„Hat er gesagt, dass jetzt alles besser wird? Hat er gesagt, dass sich alles verändern wird? Und dass nichts mehr so sein wird wie es bisher war?“
Nein, nein und ein drittes Mal nein.“
„Dann hast du nicht zugehört. Was mich sehr wundert. Du warst doch bisher so ein edler Zuhörer. Ich kenne niemanden, der in dieser Disziplin besser ist als mein Wirt.“
„Der Dichter verspricht uns nicht das Paradies.“
„Dann kann mir der Mann gestohlen bleiben. Ich habe Ansprüche und wenn die nicht erfüllt werden, bin ich nicht interessiert.“
„Er sagt schlicht und einfach, es gibt ein neues Produkt.“
„Das sagt jeder Staubsaugervertreter auch. Mit dem Unterschied, dass so ein Staubsauger einen gewissen Nutzwert erfüllt, wenn auch nicht einen so großen, wie ich jedesmal vorher glaube, bevor mich diese Halunken doch wieder bescheißen.“
„Ich glaube, hier geht es weniger um Ordnung im Haushalt und mehr um Kunst.“
„Ist mir wurst, wovon der Kerl Millionär wird: ob mit Staubsaugern oder seiner Kunst.“
„Du gönnst dem Mann sein Geld nicht?“
„Ich bitte dich, der Mann ist Dichter. Was wird ein Dichter wohl tun, so von morgens bis abends? Vorausgesetzt, er tut es von morgens bis abends, woran ich starke Zweifel hege?“
„Dichten?“
„Dichten! Und wie stellen wir uns das praktisch vor?“
„Es ist natürlich nicht so eine kräfteraubende und den Intellekt reizende Tätigkeit wie die Landebahn für kleine Flieger abzugeben…“
„Mein Reden.“
„Aber Arbeit ist es doch.“
„Mein Zweifel.“
„Im besten Fall schenkt er uns Geschichten.“
„Schenkt ist gut. Der will Bargeld sehen, wie Dichter eben so sind. Vorne herum lassen sie das Sensibelchen raushängen, aber rechts und links hängen leere Taschen und die wollen was? Die wollen gefüllt sein. Mit Geld, das der Dichter nicht hat, weshalb er es sich von uns besorgt.“
„Vergisst du nicht die poetische Seite?“
„Für mich ist Dichten dasselbe wie Banküberfall. Nur ohne Bank und ohne Überfall. Und dass es nicht verboten ist. Aber sonst ist es haargenau dasselbe.“
„Ich lese gern. Liest du auch gern?“
„Nicht, wenn ich es vermeiden kann. Lesen macht nämlich dumm, das ist viel zu wenig bekannt.“
„Sag bloß.“
„Nehmen wir nur mal mich. Seit wann lese ich keine Bücher mehr? Seit zwanzig Jahren? Lass es dreißig sein, davor ist Lesen sporadisch vorgekommen, daran erinnere ich mich, wenn auch ohne Wehmut. Aber danach war Zapfenstreich. und nun frage ich dich: Bin ich in den letzten dreißig Jahren dümmer geworden? Na? Bin ich?“
„Das ist eine heikle Frage. Sie wird mit jeder Sekunde heikler, in der man über die Antwort nachdenkt.“
„Ich erteile dir für jede Antwort Absolution. Ich stehe mit der Wahrheit auf vertrautem Fuß.“
„Sagen wir es so: Du bist nicht klüger geworden, jedenfalls nicht durch den Verzicht auf Bücher. Und dir ist einiges entgangen. Nein, ich meine jetzt nicht die bewussten Bücher mit den bewussten Bilderseiten.“
„Würdest du mir das schriftlich geben? Ich bin nämlich eben sehr erschrocken gewesen, als du so nebenbei eine existenzielle Seite von mir entsorgen wolltest.“
„Diese Bilder sind für dich existenziell?“
„Sie rühren an das Grundlegende des Menschseins. Sie mahnen uns, wer wir sind und wie wir sein wollen.“
„Wollen wir das wirklich, Stammgast?“
„Nicht acht Stunden am Tag, acht Stunden am Stück würde ich gar nicht überleben. Aber ab und zu muss man sich auch etwas gönnen.“
„Haben wir dafür nicht den kleinen Flieger?“
„Das ist leider nicht so falsch, wie ich im ersten Moment dachte. Aber ein gemeiner Einwand ist es doch, das weißt du hoffentlich.“
„Um es abzukürzen: Der Dichter will dir nicht deine Bilderseiten wegnehmen.“
„Gibt er uns neue? Ist er für Vorschläge offen? Konstruktive und sachliche Vorschläge? Anregungen eben, die den Menschen anregen?“
„Leider nein.“
„Ich wusste es. Ich hatte die Frage noch nicht ausgesprochen, da wusste ich es schon. Dichter! Kennst du einen, kennst du alle! Kennst du keinen, kennst du auch alle. Haben wir das Thema damit durch?“
„Was siehst du, wenn du aus dem Fenster blickst?“
„Ist das Fenster das, was hinter diesen ins Kraut geschossenen Grünpflanzen steckt?“
„Yap.“
„Und auch hinter dem fettigen Belag auf den Scheiben?“
„Yap.“
„Dann sehe ich eine unfassbare Herde von Gläubigen, die darauf warten, dass ihr neuer Gott ihnen erscheinen und sie ins Himmelreich abführen möge.“
„Hast du es auch eine Nummer kleiner?“
„Hast du was mit diesem Dichter? Kennt ihr euch aus Jugendtagen? Habt ihr euch eine Frau geteilt? Oder hat der eine dem anderen die abgelegte Frau abgenommen? Das, was gute Freunde eben füreinander tun?“
„Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich habe Bücher von ihm gelesen. Romane.“
„Der hat das schon früher getan?! Das ist ein Wiederholungstäter? Der kann einfach nicht damit aufhören? Was hast du denn für einen Umgang? Das macht sich aber gar nicht gut im Führungszeugnis.“
„Was soll da denn drinstehen? Vorsicht: notorischer Leser?“
„Das ist der Code. Wir wissen alle, was dahintersteckt.“
„Dein altes Thema? Jede Revolution fängt mit Nachdenken an? Und Nachdenken fängt mit Lesen an?“
„Und die Pausen bei der Revolution überbrücken wir mit kleinen Fliegern.“
„Und werden nicht stutzig, wenn die Pausen 12 bis 15 Jahre dauern?“
„Warum muss ich immer derjenige von uns beiden sein, der zur Sachlichkeit aufruft? Ich bin gar nicht der Typ dafür. Ich kann auch nicht stricken und häkeln.“
„Sagen wir einfach: Der Dichter schreibt seit langem wie ein Irrer an seinem Projekt und jetzt lässt er uns lesen.“
„Aber die Innenstadt ist so groß! Doppelt so groß wie Luxemburg.“
„Ich habe dir hundertmal gesagt, dass nicht alle Wikipediaseiten koscher sind.“
„Dann stimmt das auch nicht, dass es in Hamburg mehr Millionäre gibt als im restlichen Europa zusammen?“
„Was meinst du denn?“
„Hier stehen tausende von Häusern, es gibt noch mehr Geschäfte und fast so viele Kneipen. Aber wo lümmeln die Gläubigen rum? Warum vor meiner Tür? Na gut, vor unserer Tür?“
„Sie haben läuten hören, dass wir in den Geschichten vorkommen könnten.“
„Hah! Der war gut! Das war einer der besten, die ich seit langem gehört habe. Wir?! In einem Buch! Wozu sollte das wohl gut sein?“
„Ich habe noch etwas läuten hören. – Bist du gar nicht neugierig?“
„Was muss ich dir geben, damit du endlich weitererzählst?“
„Ein abbezahlter Deckel könnte mich veranlassen… gut, gut, ich respektiere deinen Blutdruck. Man munkelt, die Geschichten könnten zum Zwecke der Unterhaltung hier spielen.“
„Wieso Unterhaltung? Sind wir eine Clownsschule? Stellen wir im Keller die T-Shirts für Mario Barth her? Päppeln wir mit Frikadellen und Mostrich die armen Abendblatt-Redakteure auf, die einfach nicht über ihre unfassbar peinliche Lobhudelei für ihre Zehn-Milliarden-Olympiade hinwegkommen?“
„Man hört, dass in unseren Räumlichkeiten ein lockerer Ton herrschen soll.“
„Das ist doch klar, deshalb gibt es ja Kneipen. Aber deshalb lachen wir doch nicht von morgens bis abends.“
„Tun wir nicht?“
„Tun wir nicht. Nimm nur mal mich, ich bin das beste denkbare Gegenargument.“
„Du denkst jetzt an deine staatsmännische Art.“
„Daran. Und an meine abgeklärte Art. Meine Bereitschaft, stets beide Seiten anzuhören, bevor ich das Urteil spreche. Und ich kann zuhören, zur Not minutenlang! Das ist alles Zeit, die vom angeblich pausenlosen Lachen abgeht. Womit bewiesen wäre: Du gehst jetzt raus und schickst die Herde weg. Sollen sie sich vor Karstadt breitmachen und vor Lachen ausschütten, da ist auch viel mehr Platz. Karstadt kommt doch vor beim Dichter? Oder haben sie ihm da mal die falsche Hose angedreht und jetzt zahlt er es ihnen heim, indem er Karstadt verschweigt?“
„Ich weiß nicht, ob Dichter ihre Hosen nun gerade bei Karstadt kaufen.“
„Ach ja? Die feinen Herren haben Ansprüche? Die feinen Herren sind sich zu fein für Karstadt? Na, dann sind wir natürlich alle auf die Dichteritis gespannt. Wer wird da denn noch alles denunziert und verschwiegen? Was ist zum Beispiel mit Lore Düster?“
„Wer ist Lore Düster?“
„Ich hab’s gewusst, das war mir sowas von klar. Beweisführung abgeschlossen.“
„Du wirst unsachlich.“
„Ist nicht jeder Dichter unsachlich?“
„Bist du ein Dichter?“
„Das ist eine unsachliche Frage.“
„Aber eine Frage.“
„Warum heißt der Kerl überhaupt Dichter? Ich denke, Dichter dichten.“
„Tut er doch.“
„Aber keine Gedichte. Der Dichter dichtet Gedichte, wie der Fußballer Fußball spielt.“
„Und Lasogga? Was tut Lasogga?“
„Lasogga versemmelt Großchancen noch und nöcher. Aber dafür schreibt er keine Gedichte. Es ist nicht alles schlecht an Lasogga.“
„Der Dichter nennt sich selbst auch nicht so.“
„Donnerwetter. So viel Ehrlichkeit hätte ich dem Kerl gar nicht zugetraut. Wie nennt er sich denn? Sag nicht, er ist nur nebenbei Dichter. Vormittags ist er Lehrer, nachmittags fährt er Taxi und abends dichtet er?“
„Er ist Autor. Oder Schriftsteller.“
„Heißt das jetzt so? Der eine Begriff ist durch langen Missbrauch verbrannt, legt man sich eben einen neuen zu, kostet ja nix. Bis der neue Begriff in den Dreck getreten ist, hat man dann wieder einige Jährchen Zeit. Sie sind clever, die Dichter, das muss ihnen der Neid lassen.“
„Dass du die Geschichten nicht im Buchladen kaufen kannst, ist dir aber klar oder?“
„Kann ich nicht? Du nimmst mir eine große Last von den Schultern.“
„Aber man kann sie trotzdem kaufen.“
„Wäre ja auch zu schön gewesen. Und wie muss ich mir das praktisch vorstellen? Jedes Buch nur in Verbindung mit einem Staubsauger oder wie?“
„Im Netz.“
„Was heißt: im Netz?“
„Ebook, schon mal gehört?“
„Will ich nicht ausschließen. Will ich aber auch nicht hoffen. Ist das das, wo ein Sprecher jedesmal die Bücher vorliest?“
„Das sind Hörbücher.“
„Die gibt’s auch noch!? Hört das denn nie auf?“
„Die Geschichten existieren nur in elektronischer Form. Du lädst sie dir aus dem Netz runter und kannst sie dann auf deinem Reader verfrühstücken.“
„Das letzte Wort habe ich verstanden.“
„Ist nicht schwierig, du musst die technischen Einzelheiten auch nicht alle kapieren. Du kapierst ja auch die Einzelheiten beim Bierbrauen nicht. Was ist? Warum hältst du dich an der Theke fest, obwohl du sitzt?“
„Ich könnte auch von der Bank stürzen, um meine Betroffenheit auszudrücken. Wäre dir das lieber, wenn deine Stammgäste dir auf diese blutige Weise von der Fahne gehen? Einer nach dem anderen, bis wir alle in Ohlsdorf eine Flüsterkneipe eröffnen? Die dann eher eine Verwesungskneipe wäre?“
„Vorschlag zur Güte: Wenn es soweit ist, hole ich uns das erste ebook und das liest du dann. Wäre das ein Weg?“
„Ein Weg ist es. Aber auch der Weg ins Nirgendwo ist ein Weg. Also nee, lass mal lieber.“
„Wieso? Du gehst kein Risiko dabei ein. Ich spendiere sogar die 99 Cent.“
„Natürlich gehe ich ein Risiko ein, ein großes unüberschaubares. Ein elementares.“
„Ich höre.“
„Nehmen wir an, ich lese das. Kannst du mir bis hierhin folgen?“
„Mit Mühe, aber ich bin noch dabei.“
„Nehmen wir weiter an, es gefällt mir, was ich lese. Du verstehst das Muster?“
„Mach weiter.“
„Himmel, das ist doch genauso, als wenn du dich zum ersten Mal mit einer Frau triffst. Alles läuft phantastisch, sie sieht astrein aus, riecht sogar gut, ist am ersten Abend preiswert im Verbrauch und wenn alles zusammenkommt, zeigt sie dir später noch, wo der Schöpfer bei ihr das Paradies anmontiert hat. Soll ich ins Detail gehen?“
„Überspring es.“
„Ein Glück, du kennst meine angeborene Zurückhaltung. Alles ist also toll gelaufen beim ersten Mal. Wonach sehnt sich ein Mann dann wohl am meisten?“
„Sein unverdientes Glück in der Stammkneipe jedem unter die Nase zu reiben, der nicht schnell genug das Lokal wechselt.“
„Danach. Und außerdem sehnt er sich danach, dass es schnell zum zweiten Mal kommt. Du weißt doch: Man muss die Frauen schmieden, so lange sie heiß sind. – Hibbel, alter Frauengroßverbraucher! Stell dich nicht dümmer als du bist. Wenn mir das erste Buch gefällt, will ich das zweite lesen und zwar pronto. Glaubst du, ich habe Lust, ein Jahr Däumchen zu drehen, bis sich dieser mir übrigens völlig unbekannte Dichter einen zweiten Teil aus dem Gehirn gekratzt hat? Nein, lass mal, ich verzichte auf das erste.“
„Junge, das zweite folgt auf dem Fuß.“
„Auch ein dreiviertel Jahr ist für einen entflammten Bücherfreund wie mich unerträglich.“
„Das zweite kommt eine Woche später.“
„Aber nur im Traum.“
„In der Wirklichkeit. Der Dichter feuert die Dinger im Wochenabstand raus.“
„Du meinst also, nach dem ersten folgt das zweite…?“
„… eine Woche später.“
„Und das dritte…“
„Wieder eine Woche später.“
„Und das vierte…“
„Übertreib es nicht, Stammgast.“
„Aber ich höre es so gern. Wie viele, sagtest du, dürfen wir erwarten?“
„Wir hatten noch keine Gelegenheit, darüber zu sprechen. Aber zweiundfünfzig sind garantiert. Der Plan ist, ohne Pause nachzulegen.“
„Zweiundfünfzig? Hast du eben zweiundfünfzig gesagt?“
„Was hört sich denn für dich so ähnlich wie zweiundfünfzig an, dass man es falsch verstehen kann?“
„Weiß gar nicht, einundfünfzig vielleicht?“
„Ist das die Grenze für dich? Bis einundfünfzig ist es dir zu wenig, ab zweiundfünfzig bist du dabei?“
„Irgendwo ist immer eine Grenze. Wenn man den Grenzzaun abreißt, denkt jeder daran, wo der Grenzzaun früher gestanden hat. Wird es ein dreiundfünfzigstes Buch geben? Oder ist der Saft dann endgültig raus und der saubere Dichter braucht den Rest seines Dichterlebens dafür, um sich von der Anstrengung zu erholen?“
„Es liegt an uns, ob es weitergeht. Wenn wir fleißig kaufen, ist die Fortsetzung reine Formsache.“
„Und woher bezieht der Teufelskerl seine vielen Ideen? Und die vielen Seiten? Und die vielen Geschichten? Wem klaut er die alle? Wo lässt er produzieren? In Bangladesch? Aber das Bangladesisch wird vorher ins Deutsche übersetzt, hoffe ich doch stark. Ich kann kein Wort Bangladesisch. Außer H&M, kik, was jeder kennt.“
„Er schreibt auf deutsch, er wohnt sogar in Hamburg.“
„Um die Ecke?“
„Nicht direkt um die Ecke, aber in Hamburg.“
„Verstehe. Er dichtet also mal eben zweiundfünfzig Bücher über eine Gegend, die er überhaupt nicht kennt. Du hast vergessen, mir zu sagen, dass wir uns auf ein Märchenbuch freuen dürfen.“
„Lies einfach, dann wirst du es ja sehen.“
„Weißt du, was man tun muss, damit ein Hund schneller lernt?“
„Schneller als wer?“
„Schneller als langsam.“
„Okay, die Botschaft ist angekommen.“
„Du hast sofort verstanden, dass ich auf die Motivation angespielt habe? Das Leckerli, nicht wahr? Das von fester Konsistenz sein kann, aber nicht muss.“
„Ein Flieger pro ebook.“
„Ein großer Flieger.“
„Ein großer Flieger? Wirklich?“
„Okay, zwei kleine. Einen, wenn ich anfange und einen, wenn ich aufhöre.“
„War das alles?“
„Das war alles. – Und einen für den Weg.“
„Was für ein Weg denn?“
„Wenn ich mittendrin bin beim Lesen. Wenn ich nicht absetzen soll. Wenn ich dranbleiben soll. Wenn ich den Schmu in einem Rutsch hinter mich bringen soll. Das müsste es dir wert sein, du als bekennender Freund der Literatur.“
„Okay.“
„Der ja sogar Romane ohne Bilder liest.“
„Okay.“
„Und der so tut, als würde er sie nicht vermissen, die Bilder.“
„Okay. – Oh guck!“
„Wo? Wo? Doch ein Bild?“
„Ein Bild von Mann. Da! An der Tür.“
„Moin. Ich bin hier im Schnüsch?“
„Und wenn es so wäre?“
„Dann würde ich mich sehr freuen. Mein Name ist Klugmann, ich war in den letzten Monaten mehr als einmal hier.“
„Merkwürdig, ich kann mich an Ihr Gesicht gar nicht erinnern. Und ich verfüge über ein besorgniserregend gutes Gedächtnis für Gesichter. Übrigens ebenso für Bilder, auf denen man manchmal gar keine Gesichter erkennt.“
„Wir werden uns in der nächsten Zeit häufiger sehen. Würden Sie es für möglich halten, dass dieser Raum die Bühne für hundert kleine Theaterstücke abgibt?“
„Willst du mich veralbern, Dichter?“
„Wenn ich’s Ihnen kurz zeigen dürfte…“
„Mit Bildern?“
„Ohne Bilder. Aber mit einem Helden, der bei jedem Leser bildhaft vor Augen steht.“
„Hah! Das will ich sehen, bevor ich es glaube! Hibbel, mach uns zwei Flieger, als Anschubfinanzierung. Und nun her mit dem Helden. Aber ich muss den großmäuligen Dichter warnen: Ich habe Ansprüche, ich bin kein Leser für die erste Nacht.“
„Ich höre.“
„Wieso: Ich höre? Ich dichte, das macht Sinn.“
„Wie würden Sie sich den Helden in meiner Saga vorstellen?“
„Den Helden, der mich vom Hocker reißt? Na gut, streng genommen nicht vom Hocker, sondern von meiner ergonomisch perfekt angepassten Sitz- und Wohlfühllandschaft.“
„Genau diesen Helden meine ich.“
„Das kann ich dir sagen und zwar in einem einzigen Satz. Ach was, Satz! Wieso denn Satz!? In einem Bild! Ohne Worte! Was siehst du hier? Hier oben?“
„Sie meinen den oberen Abschluss Ihres Körperbaus?“
„Ich hätte es nicht treffender sagen können. Na gut, ich hätte, aber ich lass dir das durchgehen, weil du neu hier bist. Da ist man natürlich nervös, da fühlt man sich wie in der Prüfung.“
„Ich sehe Ihr Gesicht.“
„Sehr schön. So sieht das aus. Und exakt so stelle ich mir meinen Helden vor.“
„So wie Sie aussehen?“
„Wie ich aussehe, mit allen Ecken und Kanten, das wäre schon mal eine nette Geste, um mein Vertrauen nicht gleich in den ersten fünf Minuten zu verkacken.“
„Und sonst? Außer dem Gesicht?“
„Du weißt aber, dass ein Gesicht mehr als tausend Worte sagt?”
„Das verwechseln Sie mit dem Bild.“
„Aber wenn das Gesicht ein Bild von Gesicht ist?“
„Dann natürlich.“
„Sehr schön. Mir behagt deine Art der Gesprächsführung. Du wehrst dich so lange gegen das bessere Argument, wie es menschenmöglich ist, aber keine Stunde länger. Das ist anerkennenswert. Es geht besser, aber ich habe es auch schon schlechter gehört.“
„Wenn mein Held also Ihr Gesicht hätte…“
„Und glaub bloß nicht, dass ich mir deswegen die Haare aus Nase und Ohren herausoperiere.“
„Weil ein starker Charaker durch nichts zu entstellen ist. – Was ist? Warum gucken Sie mich so an?“
„Du hast geübt! Gib’s zu, du hast heimlich trainiert. Du hast dich schlau gemacht, bevor du dich zu uns reingetraut hast. Hibbel…!“
„Lass mich da raus.“
„Man kann dich aber nicht rauslassen. Weil man mich nur im Doppelpack kriegt. Ich und der kleine Flieger und unser Wirt, ohne den wir ganz arme Würste in der Existenz wären. Hibbel, hast du bei dem Dichter gepetzt?“
„Was schwebt dir vor?“
„Ein komplettes Charakterbild deines ersten und liebsten und leistungsfähigsten Stammgasts. Hast du dem Dichter brühwarm erzähhlt, was ihn bei uns erwartet?“
„Ich bin nur ein einfacher Wirt. Schau, der Dichter will etwas sagen.“
„Ich sehe das, er wird schon frecher. Fünf Minuten hält die bürgerliche Fassade und schon redet er unaufgefordert dazwischen.“
„Mein Held sieht aus wie Sie und er redet wie Sie. Er bewegt sich wie Sie, zumindest die Teile, die bei ihm beweglich sind. Und wenn ich Glück habe, funktioniert er auch wie Sie.“
„Hibbel!“
„Ja, Stammgast?“
„Hibbel, muss ich sterben?“
„Du meinst: heute? Nein? Nicht, wenn du nicht wieder auf die Idee kommst, überfallartig vierspurige Straßen in der Rushhour zu überqueren.“
„Du willst mir also nicht bloß meine letzten Minuten versüßen?“
„Würde ich nicht im Traum drauf kommen.“
„Warum sagt der Dichter dann so schöne Dinge über mich?“
„Tut er doch gar ncht. Er redet nur über seinen Helden, das tun Dichter ständig.“
„Aber die Ähnlichkeit…“
„Er übertreibt, alle Dichter übertreiben. Das tun sie gerne, deshalb sind sie Dichter geworden und nicht Beamte.“
„Ist das wahr? Du meinst, man kann dem Kerl nicht über den Weg trauen?“
„Ich würde nicht zu schnell freundlich zu ihm sein. Aber es gibt einen Weg, wie du ihm auf die Schliche kommst.“
„Wärst du so nett, mir diesen Weg zu verraten, Hibbel? Mir geht seine Miene nämlich langsam auf die Pumpe. So vorurteilsfrei! So offen! Als wenn er mich schon im Sack hätte.“
„Lies seinen Roman!“
„Hast du auch einen Plan B?“
„Es gibt kein B, es gibt nur ABC und so weiter, du weißt schon…“
„Bis Z etwa, wohinter nichts mehr kommt, weil dahinter nur noch die Wand kommt?“
„Ich muss dir die Wahrheit sagen, du hast Anspruch darauf. Oder willst du angeschwindelt werden?“
„Wage es nicht! Ich vertrage die Wahrheit! Nicht jeden Tag, nicht auf nüchternen Magen und nicht in unbegrenzter Menge. Aber ich vertrage die Wahrheit.“
„Darf ich also mit Ihnen rechnen, verehrter Stammgast?“
„Das musst du wohl tun, Dichter! So leicht tütest du mich nicht ein!“
„Sie lesen, was ich schreibe? Und lassen sich nicht vom erstbesten Kompliment täuschen, weil ein Kompliment ja ein Ausreißer sein kann?“
„Allerdings kann es das! Mit Komplimenten fängst du Mäuse. Und Männer, die ein weiches Herz haben. Aber so läuft das nicht, Dichter. Du wirst bei mir durch eine harte Schule gehen. Du wirst dich noch wundern. Unbestechlich, sachlich, jeder Polemik abhold. Ich will keine dummen Witze und billigen Wortspiele lesen. Ich will meinesgleichen und mir in der gesamten Fülle meines Charakters und meiner Einmaligkeit begegnen. Mich als Leser wirst du nicht mehr vergessen. Noch am Tag deines Todes wirst du an mich denken. Und an den Tagen davor natürlich ebenfalls, bevor du anfängst, dich zu freuen, dass du so billig aus der Sache rausgekommen bist. Ab sofort ist Schluss mit lustig. Und damit du gleich kapierst, welcher Wind hier weht, reich mal die erste Ladung Text über die Theke. Hibbel wischt kurz mit dem Tuch trocken, dann läuft das.“
„Sie wollen mein erster Leser sein?“
„Nur der erste Leser kann das Schlimmste noch verhindern. Deshalb habe ich in den letzten Jahren relativ wenig zum Buch gegriffen. Weil ich nie der erste war! Ich konnte nichts mehr verhindern, konnte mich nur am Unglück entsetzen.“
„Wie es der Zufall will, habe ich tatsächlich ein Kapitel bei mir, auf Papier meine ich.“
„Das ist gut, denn Hibbel ist noch nicht dazu gekommen, diese geheimnisvollen Lesemaschinen zu besorgen, in die man deine Dichtung stecken muss, bevor man sie verfrühstücken kann. Was ich, nebenbei gesagt, für die dümmste denkbare Lösung halte. Aber warum einfach, wenn es auch modern geht. Hibbel, zwei kleine Flieger und einen für dich.“
„Also drei.“
„Und keine Striche auf den Deckel! Der Dichter bezahlt. Das ist nämlich ein Nebeneffekt der modernen Dichtung, den ich bisher noch gar nicht in seiner wahren Dimension erkannt habe, das muss ich zu meiner Schande gestehen.“
„Was meinst du?“
„Dichter sind potenzielle Zechezahler, vor allem, wenn sie lebendig sind. Und besonders, wenn sie nicht in Afrika und Amerika wohnen, sondern gleich um die Ecke. Und erst recht, wenn sie mich bei Laune halten wollen, mich, ihren ersten und unbestechlichsten Kritiker.“
„Lesen Sie als Leser! Lesen Sie mit Herz, das würde mir am meisten helfen.“
„Du meinst, ohne roten Stift? Ich soll nicht auf Kommafehler achten? Aber dann müsste ich ja mein komplettes kritisches Potenzial ausschalten. Du verlangst Übermenschliches von mir.“
„Das schaffst du, Stammgast. Lies einfach so, wie du redest, dann kann nichts schiefgehen.“
„Du nimmst mir eine Last, Hibbel, denn ich muss zugeben: Jeden Tag aufs neue die Fahne der Vernunft vor sich hertragen – das schlaucht auf Dauer ganz schön. Du wirst das nicht nachvollziehen können, Dichter. Du machst dir einen schönen Lenz, frühstückst in epischer Breite, setzt dich ein Stündchen hin, dichtest ein bisschen vor dich hin und gut ist.“
„Bitte sehr. Wünsche angenehme Lektüre.“
„Das habe ich nicht gehört, das war praktisch schon der erste Bestechungsversuch. Ist wohl nicht weit her mit deinem Selbstbewusstsein.“
„Ich habe mir große Mühe gegeben.“
„Das tun die Klopper in der Kreisliga auch. Spielen sie deshalb richtigen Fußball? Nein, sie bleiben immer Klopper.“
„Stammgast, dein Vergleich hinkt.“
„Dann hat er ja etwas mit den Kloppern aus der Kreisliga gemeinsam .“
Noch einmal: bitte sehr.“
„Dann gib schon her. – Mmh. – Mmh, mmh. – Schau an. – Na jaaa. – Immer von hinten durchs Knie, ihr Künstler seid Umstandskrämer.“
„Die Flieger.“
„Mann Gottes, das hat wieder was gedauert heute. Ich wusste langsam nicht mehr, wie ich die Stunden strecken soll.“
„Wohlsein, Stammgäste und neue Gäste!“
„Der Ausdruck, den du krampfhaft vermeidest, ist Laufkundschaft, Hibbel. Die Kreisliga der Gäste. Laufkundschaft.“
„Ich denke, ich spreche für meinen Stammgast mit, wenn ich sage, dass wir alle sehr gespannt sind…“
„… und kritisch.“
„Gespannt und kritisch, weil bei uns in aller Kürze…“
„… und unbestechlich.“
„Eine Frage muss ich doch noch loswerden als Neuling in der Runde: Wird eigentlich der kleine Flieger vom Begriff der Bestechlichkeit erfasst?“
„Hibbel! Hibbel, sei so gut und übernimm du die Antwort! Ich muss meinen Puls messen.“
„Aber gerne doch. Der kleine Flieger ist bei uns das, was im Rest der bekannten Welt das Brot ist.“
„Ein Grundnahrungsmittel.“
„Das erste und einzige, wenn auch lebensnotwendige.“

„Sie meinen, der kleine Flieger könnte nicht durch Brot ersetzt werden.“
„Okay, Hibbel, ich messe gleich noch mal den Puls. Sprich weiter.“
„Nein, lieber Dichter, vom Umtausch ausgeschlossen. Auch von Scherzen und polemischen Äußerungen. Der kleine Flieger ist das, was in einer frommen Welt Gott ist.“
„Nur dass er einen höheren Nährwert besitzt. – Und gut für die Nieren ist. – Und auch für den Redefluss.“
„Damit hätte ich angefangen, aber es stimmt.“
„Wenn das so ist, dann würde ich mich glücklich schätzen, in der nächsten Zeit die Flieger zu bezahlen. Nicht bis zum jüngsten Tag, aber bis auf weiteres.“
„Stammgast, vergiss deinen Puls nicht.“
„Junger Dichter, ich hätte da mal eine Frage. Von Stammgast zu Zechezahler.“
„Ich höre.“
„Bis auf weiteres – was genau habe ich mir darunter vorzustellen? Nenne einfach eine Zahl, sie muss gar nicht unbedingt einstellig sein. Sie muss auch nicht vierstellig sein, das Wort Unverschämtheit ist in diesen Räumen traditionell unbekannt. Nenn einfach eine Zahl. Ich halte mich unauffällig an der Theke fest, sicherheitshalber mit beiden Händen, ich verzichte also bewusst und eingedenk aller möglichen Folgen auf Körperkontakt mit dem Glas. Und nun rede endlich oder ich prügele die Zahl aus dir heraus!“