Das steht drin

Der Schauplatz von INNENSTADT STORIES ist der Bereich zwischen der Hamburger Speicherstadt, Rathaus, Binnenalster und Hauptbahnhof. Mit den zentralen Achsen Mönckebergstraße und Spitalerstraße und Ausflügen über den Rand hinaus. 
98 Prozent der Handlung finden innerhalb dieser Grenzen statt.

Die HafenCity lasse ich aus Gründen, die ich nicht nennen möchte, in den nächsten Jahren weg.

Die Episoden spielen in der Gegenwart.

 

INNENSTADT STORIES hält Alltag, Stimmung und Schicksale eines Quartiers fest, in dem Tag für Tag viele tausend Menschen unterwegs sind und steht für urbanes Leben und urbane Kommunikationsformen, wie sie in allen Städten vorkommen.

Die Handlung reicht weit über ein handliches Personen-Ensemble hinaus, hier erhält jeder seinen Auftritt: Geschäftsleute, Angestellte, Touristen, alter und neuer Geldadel genauso wie die aufsteigenden Mittelschichten zwischen Karriere und Absturzängsten und mehr oder weniger nervende Kids. Ohne proletarische Milieus, Migranten und Aussortierte wäre der Ansatz unvollständig. Auch die Abteilung „Narren“ wird beachtet: Künstler, Sportler, Halbwelt, Verrückte. Selbst die Tauben und andere Vertreter der Tierwelt spielen mit.

 

INNENSTADT STORIES bildet den Herzschlag einer Metropole ab: Menschen in Eile, Nervosität, Hektik, Oberflächlichkeit. Aber auch Arbeitsplatz für Tausende und eine auf Effizienz geeichte Welt, in der Tag für Tag logistische Höchstleistungen gestemmt werden. Viele halten sich hier länger auf als in ihren Wohnungen.

 

INNENSTADT STORIES belebt ein literarisches Genre, von dem man zuletzt nur noch selten hörte. Der Großstadtroman war zuletzt nur Herzenssache von Experten. Dabei gelten die besten Werke des Genres als epochal beim Versuch, Alltag, Farben und Schicksale der Metropole zu einem Panoptikum menschlicher Existenz zu verweben: „Die Strudlhofstiege“ von Heimito von Doderer, „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin, „Manhattan Transfer“ von John Dos Passos und in neuer Zeit die „Stadtgeschichten“ aus San Francisco von Armistead Maupin.

 

INNENSTADT STORIES ist geistreiche Unterhaltungsliteratur; leicht, aber nicht oberflächlich; kein Kitsch, kein Trash, keine blutleere Hochliteratur, kein ästhetisches Gefasel, stattdessen der reizvolle Mittelweg zwischen U und E – im Stil angelsächsischer Literatur. Ein Lesevergnügen, für das man sich nicht schämen muss.

DIE PFEILER

Norbert Zark, der Autor

Der Autor von Kriminalromanen gerät in Geldnot. Ein Freund stellt ihm eine Dachwohnung in der Innenstadt zur Verfügung, hier nistet er sich ein und will mit einem spektakulären Roman alle Schulden loswerden.

Kurz darauf der Schock: Unbekannte schaffen ihn in eine Kaufmannsvilla im Westen der Stadt. Er sitzt einer Legende der organisierten Kriminalität gegenüber. Todkrank, gibt er seine Lebensgeschichte in Auftrag.

Für Zark beginnen die dramatischsten Monate seines Lebens.

 

Der Coffeeshop

In Sichtweite des Rathauses. Personal, Stammgäste, Laufkundschaft. Die Tankstelle für den Zwischenstop: beim Shoppen, in der Arbeitspause, nach der Schule oder weil der Laden ein Lebensmittelpunkt ist. Ein überschaubarer Kosmos von Menschen, die sich nicht zum ersten Mal sehen. Und wenn doch, kommen sie trotzdem leicht ins Gespräch. Die Hürden im Coffee Shop liegen niedrig, die kleine Auszeit, der Ärger, der Plan, Frust, Freude oder die Sucht auf den nächsten Koffein-Kick. Zahlreiche Mitarbeiter aus Rathaus, Börse, Handelskammer verkehren hier. Arabica, die Betreiberin, kennt jeden und versteht es, Geheimnisse für sich zu behalten. Aber nicht immer.

 

Das Rathaus

Der überdimensionierte Trumm der Innenstadt. Kein Einheimischer kommt dem Innenleben näher als die Touristen bei Führungen und Rundgängen. Was sich drinnen abspielt, könnte kaum jemand benennen.

Zu den traditionellen Abläufen von Angestelltenwelt und Bürokratie („Das haben wir schon immer so gemacht“ bzw. „Das haben wir ja noch nie gemacht“) gesellt sich die Welt der Politik: schlingernd zwischen bräsiger Verwaltung der drängenden Alltagsprobleme und parteipolitisch eingefärbter Weltsicht der diversen politischen Parteien. Hamburgs Anspruch zwischen Großstadt und Weltstadt, Metropole und Stadtstaat.

Zur normalen Arbeitswelt gesellen sich Eitelkeit, politischer Ehrgeiz, Mediengeilheit und das Schielen auf die anderen Bundesländer, vor allem auf die Hauptstadt. Das Denken in Legislaturperioden und politischer Nützlichkeit zerhackt nicht nur das Denken, sondern funktionalisiert den Charakter. Vom visionären und in seltenen Fällen genialen Ansatz bis zur plumpen Durchstecherei: Das Rathaus lockt aus dem Menschen nicht nur das Gute hervor.

 

KP – Die Ideenwerkstatt der Schüler

Es beginnt mit einem Zufall. Im Levantehaus an der Mönckebergstraße stehen Ladenräume leer. Oberschüler schwatzen dem Verantwortlichen die Erlaubnis ab, sich hier zu treffen, um eigene Projekte voranzutreiben. Was als Übergangslösung geplant war, gewinnt Dauer. Adrian und seine Mitstreiter denken über die Innenstadt nach: was sie bietet, was sie ignoriert, welche Gruppen angesprochen werden und mit welchen Ideen man neue Gruppen ansprechen könnte.

So beginnt ein jugendlicher Wind zu wehen, den es in deutschen Innenstädten noch nie gab. Frei von Verwertungsinteresse und vom Zwang, Geld zu verdienen, denken sich die Schüler Kampagnen aus – einfallsreich, genialisch, frech.

Sie entwickeln einen intelligenten und einfallsreichen Sog, der die professionellen Agenturen dumm dastehen lässt.

KP ist der Jugendslang für Kein Plan.

 

Schnüsch – Die kleine Kneipe nebenan

Die meisten gehen daran vorbei: Eine der letzten klassischen Eckkneipen der Innenstadt trotzt beharrlich dem Zeitgeist. Der Stammgast, ein Zecher in reifen Jahren, und Hibbel der Wirt, führen durch die großen Themen des Alltags und der Menschheitsgeschichte. Angefeuert durch das flüssige Grundnahrungsmittel „Kleiner Flieger“ geht es durch die Höhen und Tiefen von Logik und gesundem Menschenverstand. Mal sind sich Fakten und Fiktion sehr nahe, mal liegen sie meilenweit auseinander. Von der NSA über Männer und Frauen, Bücher, Chinesen, Künstler und die Angst um Udo Lindenberg – die kleine Kneipe bündelt das Beste im Menschen zu Dialogen, die nur der Schlaf unterbricht.

 

Hotspots der Teenies

Modeläden, Fast Food, Passagen, unter freiem Himmel, an der Alster. Bummeln in der Gruppe und bloß nie allein. Schularbeiten beim Burger und bloß nie den Blick auf das Smartphone verlieren. Moderne Kommunikationsformen als kollektive Einsamkeit. Scharfe Beobachter, gut im Frozzeln und Kontern. Das permanente Duell der Geschlechter. Mit dem Partner unterwegs oder mit einem Elternteil: von himmlisch bis peinlich.

Das Rennen von Laden zu Laden, Anprobieren im Akkord, testen, anfassen und rituelle Kabbeleien mit dem Personal.

Die Ausbildung des Geschmacks, der kein guter Geschmack sein muss. Suche nach Style und Look: das tägliche Pflicht- und Stressprogramm. Jugendliche zwischen Flirts, Konsum, Ausbildung.

 

Momente im Dialog

Anlass ist eine Beobachtung, eine Banalität, ein bekanntes Gesicht. Zwei Personen, deren Namen wir nicht erfahren, vertiefen den Moment im Dialog. Philosophisch, schräg, komisch, überraschend tiefgründelnd, manchmal ohne Thema. Man braucht kein Thema, um miteinander zu reden. Szenen von einer Flüchtigkeit, die die Bewegung der Großstadt durchscheinen lässt.

Die Szenen besitzen keinen Nachhall, aber in der Innenstadt sind wir von ihnen umgeben. Wenn der Moment vorbei ist, ist er nie gewesen. Das Vergessen dauert Sekunden. In dieser Zeit kann schon der nächste Moment begonnen haben. Treffen sich zwei Menschen…

 

Arztpraxen, Kanzleien, Agenturen

Das professionelle Motiv, in dieses Quartier zu kommen: Krankheit, Schmerzen, Angst, Hoffnung, Niedergeschlagenheit, Geheimnistuerei, um die Familie zu beschützen und den Arbeitsplatz nicht zu gefährden. Quälendes Warten auf Diagnose, Behandlung, Perspektive. Und manchmal das Gespräch, vor dem sich auch der Mediziner fürchtet.

Investitionen, Immobilienerwerb, Testamente, Strafrecht, Rechthaberei der Querulanten, Schlichtungstermine zerstrittener Ehepaare, Rosenkriege: Geld, Sorgerecht, wer kriegt den Hund? Psychologen und Therapeuten sitzen allen gegenüber: Kinder, Jugendliche, Drogensüchtige, Verhaltensgestörte, Depressive, Zwangsneurotiker. Zu jedem Zeitpunkt des Tages hält sich ein dickes Lehrbuch voller Krankheitsbilder im Quartier auf.

Das kreative Gemurmel von Werbung, Public Relation, Hörfunk, Theater. Existenzen zwischen Bauernfängerei, Handwerk und Genieblitzen. Karrieren, Praktika, Vorstellung von Kampagnen. Viel Selbstbewusstsein und große Ängste.

 

In den Läden

Wie wir reinkommen, ist egal. Wenn wir drin sind, geht es los: das Leben in den Läden, alle Waren, alle Preisklassen, alle Qualitätsstufen, alle Verhaltensstufen, zu denen ein Kunde fähig ist. Einer hat etwas, der andere will es haben. Das kann schwierig werden, obwohl es sich um eine jahrhundertealte Übung handelt.

Verkäufer, Kunde, Ware – mehr braucht es nicht, um jede Befindlichkeit zwischen Himmel und Hölle zu durchleben. Kommunikation von komplikationslos bis stolpernd über aggressiv, Missverständnisse, Abschweifungen bis zum Kauf. Jede Kommunikation hat einen Beziehungsaspekt. Der bringt den Pfeffer ins Spiel. Oft geht alles glatt, auf dem Weg zur Ladentür ist der Deal schon abgehakt, von beiden Seiten.

Wir kümmern uns um diese und um die andere Seite. Wir tun nicht so, als wäre das Drama der Normalzustand. Aber es gibt viel mehr als „glatt“ und „schwierig“. Die Stufen dazwischen sind vielfältig, vieles spielt sich nonverbal ab. Ein Theaterstück für zwei Personen oder mehr.

 

Das Büro

Zehntausende arbeiten in der Innenstadt, für viele ist der Schreibtisch ihr Arbeitsplatz. Die Nebenstraßen sind voller Bürohäuser: vom Weltkonzern bis zur Klitsche und alle Stufen dazwischen. Die Kultur der Angestellten, einst historische Novität der Arbeitswelt, ist hier seit langem der Normalzustand. Arbeiter und produzierendes Gewerbe finden wir in anderen Stadtteilen.

Menschen, die sich nicht zwangsläufig mögen müssen, verbringen an fünf bis sechs Tagen in der Woche sechs bis zehn Stunden gemeinsam. Was für viele Partnerschaften zu viel wäre, führt auch hier zu Sumpfblüten des Umgangs. Graue Mäuse, schrille Schreihälse, die Naiven, Koketten, Schleimer, Faulpelze, Dynamos, die guten Kollegen, die Denunzianten und diejenigen, die Karriere machen, weil sie wirklich gut sind. Die Welt der Angestellten ist ein globaler Staat, ihr Staatsgebiet ist das Büro. Hier werden Charaktere kenntlich: Talente, Kompetenz, Überforderung. Man arbeitet gemeinsam und nebeneinander her und manchmal gegeneinander. Man langweilt sich, erträgt mehr oder weniger mühsam die Marotten der Kollegen und ist froh, dass man diese Visagen nicht auch noch als Nachbarn ertragen muss.

Mittags rennen alle raus. Aber sie werden treu und brav zurückkommen.

 

Die Grellen und die Unsichtbaren

Die Grellen: Sie haben kein Geld, deshalb bieten sie das Einzige an, das sie dabei haben: ihren Körper und was er kann. Sie spielen ein Instrument oder singen oder beides; sie tanzen, balancieren, sie sind Pantomine, sie malen, zaubern Scherenschnitte, sie schminken und machen Späße und ignorieren standhaft die Tatsache, dass die meisten Menschen keine Clowns mögen.

Oder sie sind jung, unfassbar optimistisch, smart und immer gut gelaunt. Sie kommen aus Australien, Südafrika und Chile, sie brauchen nicht mehr als einen Rucksack und wissen morgens nicht, was der Tag bringen wird. Dafür lieben sie den Tag, jeden Tag aufs Neue. Abenteurer, mutige Zeitgenossen, Mobilität als Lebensform, kein Bausparvertrag, keine Rente, dafür ein gelebtes Leben, von dem man Kindern und Enkeln erzählen kann, ohne dass die vor Langeweile einschlafen.

 

Mancher fürchtet sich vor diesen Menschen und meidet den Kontakt mit ihnen. Aber sie sind die Farbe und die Exotik, sie bringen die Welt ins Quartier, sie sind es, die den Anspruch der Stadt einlösen, eine Metropole zu sein und Bewohner aller Erdteile anzuziehen.

Die Weltenwanderer sind Globalisierung zum Anfassen. Zugespitzte Lebensformen, ihre Flüchtigkeit ist kein Mangel, sondern Lebensprinzip.

 

Die Unsichtbaren: Sie sind die Verlierer. Sie nerven, sie sind laut und manchmal riechen sie schlecht. Sie sind wütend und klagen die Welt an. Sie fühlen sich als Opfer und sind auf einer langen Reise, die längst kein Ziel mehr hat. Sie sind ihren Weg bis zum Ende gegangen und wundern sich, wieviel Leben am Ende des Weges noch übrig ist. Sie sind obdachlos und arm, haben keine Krankenversicherung und keinen Namen. Sie blicken uns nicht an oder tun es ohne Unterlass.