GESICHTER. Der Dreckige – Drittes eBook

Gleich wird er jemanden betrügen. Es wird ihm nicht langweilig, es ist sein Beruf. Der Behumpste wird glauben, man habe ein Geschäft abgeschlossen. Fifty–fifty. Wenn eine Seite zufrieden ist, ist es auch die andere. Er wird Tage brauchen, bis ihm die Wahrheit aufstößt. Und danach wird es einige Tage dauern, bis er die Worte findet, die die Wahrheit angemessen ausdrücken.

Nichts im Leben ist fifty–fifty. Einer gewinnt immer, einer verliert immer. Beim Sport, beim Heiraten, beim Sex, beim Handeln, in der Politik, bei den Pastoren. Einer will etwas haben, der andere hat es. Oder: Einer weiß nicht, was er haben will, der andere hat es. Oder: Der eine hasst den anderen, weil er ihm etwas verkauft, was er haben muss. Oder: Einer ist der Dumme, der andere hat eine neue Geliebte, die Bargeld sehen will, wenn sie bei ihm bleiben soll.
In der Ausbildung, die sechs Wochen dauerte, sagten sie ihm: Pass auf dein Gesicht auf. Das Gesicht verrät dich. Das Gesicht ist das einzige, was er von dir zu sehen bekommt. Handeln, unterschreiben und aus. Er darf dich nie wieder sehen. Wenn er anruft oder schreibt, sieht er dich nicht. Das ist wichtig. Denn dein Gesicht wird dich verraten, eines Tages. Niemand kann 24 Stunden am Tag sein Gesicht unter Kontrolle halten. Zumal wenn der andere dich hasst, wenn er zornig ist oder verzweifelt und wenn er nichts anderes hat, in das er hineinschlagen kann als dein Gesicht. Das Gesicht ist gefährdet.

Er betrog Menschen, seitdem er acht war. Seine mächtigste Waffe war das Gesicht. Sie fanden es niedlich, weil er acht war und sie treuherzig anblickte. Niemand ist vor einem Achtjährigen auf der Hut. Ein Kind ist unschuldig und hilflos. So hatte er sie geleimt, er war in ihre Küchen gegangen und an die Kühlschränke. Er wusste, wo die Süßigkeiten lagen und manchmal wusste er, wo die Portemonnaies lagen. Damals hatte er viele Freunde, er kam in viele Wohnungen, er war ein Kind von acht. Man schenkte ihm Kuchen und Kakao. Er aß und trank und fühlte die Münzen und Scheine in seiner Hosentasche. Für das Geld hatte er Spielsachen gekauft und Hefte, die sonst keiner besaß. Nach einem besonders einträglichen Raubzug hatte er Schuhe gekauft. Der Junge, der für ihn den großen Bruder spielte, bekam fünf Euro. Kostete ja nicht sein Geld.
Mit zwölf war die Bande entstanden, sie waren über die Wochenmärkte gezogen, nur nicht über den im eigenen Stadtteil. Es war kaum zu glauben, wie gutgläubig alte Frauen waren. Und junge Frauen auch, zumal wenn sie Kinder dabei hatten, von denen sie sich ablenken ließen. Kinder waren Verbündete.
An der Elbe zu klauen, war eine Mutprobe gewesen. Am ersten Tag hatten die Cops zwei Freunde eingefangen, sie hatten einen Monat gebraucht, um den Schreck zu überwinden. Aber danach: Jahrmarkt, Einkaufspassagen, vor allem die Innenstadt. Viele Menschen, viele Fremde, viele in Eile. Und jeder hatte Geld dabei. Man kam hier nicht her, wenn man nichts kaufen konnte. Bis auf die Landstreicher, die sie auch beklaut hatten. Denn sie waren schwach und verwirrt und oft betrunken oder eingeschlafen.
Von der Schule war er nach der zehnten Klasse abgegangen, weil es keinen Sinn mehr hatte. Für einen wie ihn war das kein Unglück, es gab so viele Möglichkeiten, so viele Menschen, die große Dinge von ihm hielten. Er hatte Abos verkauft, Patenschaften für afrikanische Kinder und kranke Tiere; er hatte Kurierdienste übernommen, manchmal hatte er Männer begleitet, die zu ihrer Verabredung einen Jungen mitbringen wollten, weil sie dann väterlich und vertrauenerweckend wirkten. Er hatte sich vor dem Haus herumgetrieben oder in der Kneipe geflippert und mit Pfeilen geworfen. Und Schnaps getrunken. Und einfältige Touristen ausgenommen, denn er war geschickt mit den Händen. Am geschicktesten war er darin, sich ungeschickt zu benehmen, so dass die Opfer glaubten, von einem wie ihm müsse man nichts befürchten. Er war keine achtzehn, als er zum ersten Mal über dreitausend Euro im Monat verdient hatte. Zwanzig Prozent legal, der Rest auf die andere Weise. Der gesamte Gewinn war für Geschenke an die Eltern draufgegangen, so hatte er Ruhe an der Heimatfront, denn das Zimmer zu Hause wollte er noch nicht aufgeben.
Er hatte sich mit Kriminellen abgegeben, aber Freude hatte das nicht gemacht. Ständig Drohungen, oft Gewalt, Messer und Pistolen und Menschen, die sich vor Angst in die Hosen machten. Er fand das widerlich. Es brachte Geld ein, aber es war widerlich. Und er wollte sich nicht daran gewöhnen.
Zumal es elegantere Möglichkeiten gab. Elektrogeräte zu verkaufen, die aus dem Container gefallen waren, war ein eleganter Weg. Fernseher, Handys, Tablets. Die Kunden waren stinknormale Leute, die er einmal und danach nie wieder sah. Man traf sich an Orten, an denen man sich nicht vorsehen musste; und niemand musste gezwungen werden, hierher zu kommen. Er hatte etwas, die anderen wollten etwas von ihm haben. Die goldene Regel der Begehrlichkeit.
Sein Name wurde herumgetragen, sein Telefon klingelte. Unbekannte Stimmen, die am Telefon nicht darüber reden wollten, was sie ihm anzubieten hatten. Man traf sich in Bars, einmal beim Bowling, einmal im Bordell. Einer wollte nur in der Einflugschneise des Flughafens reden.
So kam er zu seinem ersten Büro. Er heuerte Leute an, die Versicherungen verkauften und nebenbei Handys und Tablets. Dass Container so unzuverlässig waren, im Hafen gingen Tag für Tag mehrere kaputt. Er war nun oft im Hafen, lernte kennen, plauderte, lud ein, man tafelte, mochte sich, bezahlte, bezahlte nicht nur für Essen und Getränke.
In einem Jahr fuhr er vier Wagen. Scirocco, BMW, Audi, zuletzt einen alten Jaguar. Bei dem blieb er. In einem Jahr hatte er vier Freundinnen. Rosemarie, Ev, Jackie, Ulica. Er blieb bei keiner, hatte zeitweise drei Beziehungen parallel. Er brannte an allen Enden, schlief wenig, lebte intensiv. Er ging zur Handelskammer, weil er wissen wollte, was das für ein Gefühl war, dicht bei den Guten zu sein. Er ging ins Rathaus, besuchte verschiedene Abteilungen der Wirtschaftsbehörde, kam in Hamburg herum. Er sah sich Büros an, City Süd, City Nord, HafenCity. Aber er wollte das Rathaus sehen, wenn er am Tisch saß. Erst dann war es richtig. Man sagte ihm, er sei ein altmodischer Mensch. Er nahm das als Kompliment. Um nicht einzurosten, ging er immer wieder nach draußen und verkaufte. Nie den Kontakt zur Basis verlieren. Er mochte das Gefühl, wenn man spürte, dass das Opfer zur Unterschrift bereit ist. Er verkaufte alles: Verträge, Lizenzen für Regionen, Beteiligungen an Unternehmen, die Zukunft hatten. Er traf sich mit Chinesen und Tschechen, es ging um Waffen, das fand er spannend. Aber zuletzt verzichtete er auf viel Geld, er wollte keine Deals machen, für die ihn die Polizei hassen würde. Waffenhändler hatten einfach keine gute Presse.
So blieb er sauber, er verleitete junge Menschen dazu, Verträge zu unterschreiben, die ihre finanziellen Möglichkeiten überforderten. Er lebte von den Provisionen; wenn einer klamm wurde, verstärkte er kurzfristig seine Franchise-Aktivitäten. Einmal Gas geben und das Geld floss aus dem neuen Kanal. Er stellte Leute an, die für ihn den Überblick behielten. Von einem musste er sich trennen, weil er zu schnell zu mächtig wurde. Der Rivale heuerte einen Schläger an, der sich vier Schlägern gegenübersah. So wurde er zum Pflegefall.
Manchmal steht er vor dem Spiegel und denkt: Du würdest diese Fresse auch mögen, wenn du sie nicht schon hättest. Er war jetzt 24 und fühlte sich wie vierzig. Alles, was er anfasste, atmete Unaufrichtigkeit und den Willen zum Betrug. Wenn er Brötchen kaufte, war er ehrlich. Alles andere roch nicht gut. Er hatte an Gewicht zugelegt, das wunderte ihn nicht. Er kam nicht mehr dazu, ins Studio zu gehen. Auch Frauen waren weniger wichtig geworden. Die paar, die er sich ab und zu gönnte, waren edel, meistens älter. Manche kannte man aus dem Fernsehen, aber nur, wenn man bestimmte Sender sah. Eine sagte: „Du siehst jünger aus als du bist.“
Er blickte in den Spiegel und erkannte, wie unwichtig der Spiegel geworden war. Um zu wissen, wie er aussah, musste er nur in andere Gesichter blicken. Er legte Wert darauf, dass man keine Angst vor ihm hatte. Er mochte es, wenn man ihn mochte. Ein Opfer sagte: „Zuerst hatte ich Angst vor Ihnen. Aber da hatte ich Sie noch nicht gesehen.“
Seine Mutter sagte: „Du arbeitest zu viel, du guckst so ernst.“
Er kannte jetzt wichtige Menschen: aus der Handelskammer, aus dem Rathaus, aus Firmen, die Handel mit Fernost trieben und junge Betriebe bei der Gründung berieten. Wichtige Männer grüßten ihn, er erhielt Einladungen zur Eröffnung von Restaurants, zu Sommerfesten, Sylt und Timmendorf. Er kannte sich in den Örtlichkeiten an der Elbe aus, wo Events stattfanden und später Fotos in der Tagespresse erschienen. Zweimal war er in diesen Artikeln erwähnt worden, jedesmal als Jung-Unternehmer mit Potenzial. Das war ausbaufähig, die zweite Erwähnung war nicht mehr so schwierig wie die erste. Die dritte und fünfte und zehnte würde ihm kaum noch Probleme bereiten. Er telefonierte regelmäßig mit einem Mädchen, sie saß in einer PR-Agentur gleich um die Ecke. Sie hatten fünfzigmal telefoniert, sich aber noch nie gesehen. Erst hatte sie das gestört, jetzt fanden sie es symbolträchtig. Sie sagte: „Wir dürfen uns nie sehen. Eine Begegnung würde alles kaputt machen.“
Er wusste nicht, was sie meinte, es hörte sich verschwurbelt an. Frauen tickten so. Bis auf die, mit denen er privat zusammmen war. Die waren nur teuer. Er betrachtete sie als Investment und setzte sie von der Steuer ab.
In dem Gebäude, wo sein Büro lag, grüßte man sich nicht nur im Fahrstuhl. Man nannte sich beim Namen, immer Vorname und Sie. Alle taten so, als würden sie das schrecklich steif und altmodisch finden. Aber alle standen darauf.
Zweimal in der Woche nahm er einen Termin außerhalb wahr. Er fuhr dann durch Wohnstraßen, in denen der Hund begraben war. Hier traf er junge Menschen, die auf dem Absprung waren. Er wusste, dass einige es sogar schaffen würden. Aber die meisten nicht. Sie würden heiraten, sich vermehren und zuletzt bauen. Bauen war wie sterben und trotzdem weiteratmen. Bauen war sein Geschäft, er verkaufte jetzt auch Versicherungen rund um die Sicherheit. Er musste nur darauf achten, dass er Unterlagen und Zielgruppen nicht verwechselte, wenn er die Aktentasche packte. Das könnte peinlich werden, dann wäre sein Gesicht gefordert gewesen. Das Gesicht, das sich darauf freute, gefordert zu werden.
Auf dem Weg zum Parkhaus kam er an dem Spiegel vorbei. Er blieb stehen, hinter ihm spiegelte sich das Rathaus, aber er war größer. Er sah lange hin und dachte: Du hast eine sagenhaft dreckige Visage. Wie kannst du damit nur jeden Morgen aufstehen?