RECHT UND ORDNUNG – Erstes eBook

Ich bin gerecht und nie gemein. Ich arbeite im Namen aller anständigen Menschen. Wer mich kennenlernt, kapiert schnell, dass ich Humor habe. Ich lasse die Menschen ausreden, bevor ich ihnen sage, dass ich das alles schon tausendmal gehört habe.

Früher mochte ich nur die Männer nicht, jetzt stehen die Frauen auf Platz Eins. Die taffen, die ehrgeizigen, die Erfolg wollen oder ihn schon haben.

 Die im teuren Tuch, an dem noch das Preisschild baumelt. Die in guten Schuhen, oh mein Gott, was gibt es für schöne Schuhe. Die brauchen sie auch, denn sie sind immer im Laufschritt. Ich habe alles geschrieben und festgehalten und für die Ewigkeit bewahrt, bevor sie Lunte riechen. Dann nichts wie los in ihren teuren Schuhen. Halt! Hallo Sie! Sekunde! Das ist ein Missverständnis!
Es ist jedesmal ein Missverständnis. Sie haben nur für zwei Minuten geparkt. Sie kommen gerade an, praktisch rollt der Wagen noch. Notfall! Apotheke, der alte Vater liegt im Sterben, die Kinder husten sich die Seele aus dem Leib. Ich könnte einen Handel mit Medikamenten aufmachen. Sie müssten mir das Zeug abkaufen, sie wollen ja nicht als Schwindlerinnen dastehen.
Sie haben das Schild nicht gesehen und das zweite Schild auch nicht und überhaupt wissen sie gar nicht, was das sein soll: Schilder. Dass die gesamte Innenstadt komplett zugemacht ist, jeder weiß es, nur die taffen Frauen mit den tollen Schuhen wissen es nicht. Ich höre zu und schüttele den Kopf, ich denke an meine Schuhe und stelle mir vor, wie teuer ihre Schuhe sind und wie billig meine. Ich hasse den Ordnungsdienst, weil er seine Frauen behandelt wie Müllsäcke mit Rock. Aber wir tragen ja keinen Rock, Röcke sind für Frauen. Wir sind Kollegen ohne Eier. Obwohl ich strenggenommen hundertmal mehr Eier habe als… aber ich schweife ab.

Im schlimmsten Fall riecht sie auch gut, dann hat sie sowieso verschissen, kniehoch. Meistens riechen sie neutral, denn sie sind erfolgreich in der Welt der Männer. Da dürfen sie nicht riechen wie Frauen. Erstaunlich, dass sie noch ihre Tage kriegen dürfen. Aber vielleicht haben sie sich das auch abgewöhnt und ich weiß es nur nicht, weil mir ja nie jemand etwas erzählt.
Politesse sein ist das, was früher Lepra war. Sie schlagen dir keinen Knüppel auf den Kopf, aber sie isolieren dich, sie verachten dich, du hast noch kein Wort gesagt und bist schon ihre Feindin. Sie fragen sich, wie man sich zu so etwas hergeben kann. Dabei ist die Antwort ganz einfach: Jemand muss es ja machen. Die Sache ist rechtlich einwandfrei, kein Schlupfloch, demokratisch beschlossen, ein Paragraf nach dem anderen und die Politiker waren nüchtern, als sie die Paragrafen abgesegnet haben.
Es gibt mehr Autos als Platz in der Innenstadt. Also schieben wir einen Riegel vor. Ich habe das nicht erfunden, obwohl das, was ich erfinden würde, sollte ich jemals etwas erfinden, durchaus Ähnlichkeit mit meinem Job haben könnte. Jeden Tag bin ich draußen bis auf die Tage, wo das Wetter schlecht ist oder es regnet oder stürmt und schneit oder es hat morgens geschneit und jetzt ist schon Mittag und es lohnt nicht mehr, sich bis zum Feierabend einzusauen. Die Schuhe zum Beispiel. Mir putzt sie ja niemand, ich bin Selbstputzer, den Ausdruck habe ich erfunden.
Diese taffen Damen leben nicht im Wald. Wo sie herkommen, wimmelt es von Vorschriften und jede zweite haben sie sich selbst ausgedacht, denn sie sind Anwältin oder Büroexpertin oder Managerin. Sie sind schuld daran, dass unsere Welt noch komplizierter wird. Überall akzeptieren sie Regeln: bei der Steuer, im Geschäftsleben, bei der Sicherheit, beim Sex. Denn sie haben natürlich Sex. Einige sehen aus, als würden sie gerade aus dem Fahrstuhl kommen, wo sie von einem Kollegen nach Strich und Faden… ich darf gar nicht daran denken. Ihre Schuhe haben sie dabei anbehalten. Bei solchen Schuhen kommen die Männer auf Touren, ist ja nicht so wie bei meinen Tretern, wo ihnen alles vergeht, vorausgesetzt, ihnen ist nicht bereits vorher alles vergangen. Aber das kann auch daran liegen, dass der Ordnungsdienst kein erotisches Gewerbe ist. Wir schießen ja nicht einmal selbst, wir lassen schießen und ducken uns solange in einen Hauseingang. Wenn ich Pech habe, tritt in dem Moment ein Hausbewohner aus der Haustür, er sieht mich, er erkennt mich und ich erkenne: Er bedauert, dass er mir keinen Hauseingangs-Verweis erteilen kann.

Bevor sie den Mund halten, müssen sie ihn aufreißen. Das lässt sich nicht abkürzen, wir sind ja unbewaffnet, wenn man von unserer Kompetenz absieht und der Tatsache, dass wir im Dienst einen rundum verschweißten Paragrafen-Taucheranzug tragen. Ich bin unangreifbar, das reizt sie bis aufs Blut. Ich verstehe das, mich entzückt es ja auch bis aufs Blut. Also denke ich an etwas Schönes, Schuhe zum Beispiel, während sie vor mir stehen und sich verbal entschlacken. Beleidigungen überhöre ich. Das habe ich im ersten Jahr noch anders gehalten, aber mir wurde von verschiedenen Seiten empfohlen, die Klagen wegen Beleidigung und übler Nachrede nicht weiter zu verfolgen. Schwierige Beweislage, lange Verfahren und Dienstausfall wegen Erscheinens vor Gericht. Außerdem habe ich nicht die richtigen Schuhe fürs Gericht. Die meisten Richter sind Männer, deshalb heißen sie auch Richter und nicht Richterin.
Es kommt der Zeitpunkt, da muss ich mein Büchlein zuklappen. Zu diesem Zweck halte ich es stets leicht geöffnet, um mit einer kurzen, aber kraftvollen Bewegung – und Abgang. Sie starren mich an, zwischen den Schulterblättern spüre ich, dass sie es nicht fassen können.
Manchmal ruft eine: „Ich war noch nicht fertig!“
Dann sage ich leise: „Aber ich, ich bin fertig mit dir.“ Das sind die Tage, wo Ostern und Weihnachten zusammenfallen. Ich zähle bis drei und drehe mich um. Oh wie energisch sie davonmarschieren in ihren teuren Schuhen. Bis heute abend werden sie zwanzigmal erzählen, was ihnen widerfahren ist. Himmelschreiendes Unrecht und so weiter. Da stehe ich drüber – in meinen Ordnungsschuhen. In meinem nächsten Leben lasse ich putzen. Versprochen.